Jahr 1990

1990

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1990

 

Texte

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Predigt

Ihr habt euch heute Abend aus vielen Orten aufgemacht, habt euch eingeladen gefühlt. Eine Sache uns allen gemein: Wir sind unterwegs, gehen einen Weg, dessen Ende nicht abzusehen ist. Dieser Weg ist kaum zu beschreiben, weil er erst durch unser Gehen entsteht.

Wir sind erste Schritte gegangen und sind von unseren Ausgangspunkten bereits Stücke entfernt.
Unsere Befindlichkeit habe ich vorhin bereits genannt: da ist die Einsamkeit, die an diesem Tag oder Abend ganz erbarmungslos erscheint; das Alleinsein im Kreise der Familie, wo Eltern an ihren Kinderverzweifeln und oder junge Leute ihre Eltern nicht mehr aushalten können.

Da fühlen wir uns ausgeschlossen, diffamiert oder grenzen selbst wiederum andere aus. Da fühlen wir uns als Gefangene unserer selbst, des Alkohols und der Medikamente. Da sehen wir die Gitter der Gefängnisse, die wir uns selbst oder anderen gebaut haben: Unsere Karriere, den Lebensstandard, unsere Images. Da sind wir, angewidert und müde von der zu Geschäftemacherei und 1000 Geschmacklosigkeiten verkommenen Art, Weihnachten zu feiern.
Wir, die wir nicht verstehen können, wie hier von Friede am 24.12.90 und dort vom Krieg am 15.1.91 im Irak geredet werden kann. Mit über 2 Millionen Menschen, die sich tödlich bewaffnet, gegenüber stehen.

Trotz allem, sind wir nicht untätig geblieben. Wir sind aufgestanden aus den bequemen Sesseln des „Na-ja-was-solls“ und des „Das-war-schon-immer-so“ „Null-Bock-auf“-. Wir haben das hinter uns gelassen. Auch die erste Verstimmung darüber, gegen 22 Uhr in eine Kirche gehen zu müssen, obgleich dies seit Jahren nicht mehr der Fall war. Haben zwar die alten Vorurteile und Vergangenheiten als große schwere Rücksäcke dabei... Aber: wir wollen irgendwie weiterkommen.

Auf diesem Weg begegnet uns eine alte Geschichte, kein Idyll, kein Krippenspiel, sondern totaler Ernst und dennoch nicht hoffnungslos. Im Gegenteil.
Die Geschichte von dem, dessen Licht dort am ehesten hellsten scheint, wo es ganz finster ist, also vielleicht gerade bei uns?

Einfache Leute sind es gewesen, die seinen Glanz als völlig Überwältigte erlebt haben. Seine Freundinnen und Freunde hat er sich von der Straße geholt, die Kranken, die in jedem Sinn Aussätzigen hat er geheilt, indem er ihnen neue Hoffnung gab und damit neues Leben, in dem er sie von alten Ängsten frei machte.

Sich aufmachen sich nicht beirren lassen von dem, was aus dem Heiligen Abend geworden: ist ein Fest der Reichen und Satten, ein Fest der Sicheren und Gelangweilten.

Eigene Wege entstehen erst beim Gehen...

Möglich, dass bis jetzt nichts Neues passiert ist. Aber nach diesem Abend wird Weihnachten nicht mehr so sein, bleiben können, wie es vorher war.

Damals, in der alten Geschichte, wir hören sie noch, ist ein Ruck durch die Menschen gegangen. Sie machten sich auf, heißt es. Selbst von jenen, die an Wunder zu glauben aufgegeben hatten. Die haben begriffen, dass etwas gänzlich Neues angefangen hatte. Sie hatten begriffen, dass es zu viele Chancen im Leben nicht gibt. Und sie haben vertraut. Ihm, der sie zusammengebracht hat. Und einander ganz neu. Und wurden Freunde...
Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Ein Taschentuch soll heute das Zeichen sein.
Hinweisen auf diesen Abend und uns an den Weg erinnern, den wir eingeschlagen haben. Soll uns erinnern, dass wir uns aufgemacht haben, zu suchen und zu finden.

Ein Taschentuch, sonst benutzt zum Schneuzen, Winken bei Abschieden, als Sonnenschutz oder hin und wieder als Schnupftuch, zuweilen mit Initialen versehen oder mit Spitzen, Geheimnistuch für Zauberer oder auch verwendet zum Abwischen der Tränen der Freude oder der Trauer.

Ein Taschentuch erinnert uns an das, was uns mutlos und ängstlich macht, ärgerlich, betroffen oder traurig. Erinnert uns an alle, die nicht mehr lachen können und im Leben nichts zu lachen haben. An alle, die das Leben verbittert hat, selbst in jungen Jahren schon.
Ein Taschentuch erinnert an alle, die höhnisch übers Ohr gehauen werden, weil sie an das Gute im Menschen glauben.
Ein Taschentuch erinnert daran, dass jede Träne, ob sie geweint wird oder noch im Auge vertrocknet, nicht einfach verloren gehen darf, sondern die Quelle für den unversiegbaren Fluss unserer Hoffnung werden kann.

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