Jahr 1992

1992

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1992

 

Texte

Verlangen nach Leben

Ein alter, lederne Ohrensessel, ein Spitzenkissen im Eck. Chrysanthemen und Gold gefärbte Blätter in einer Vase daneben vor dem kleinen Beistelltisch. Rotgelb-wangige Äpfel mitsamt Nüssen in einer Schale. Ein Nussknacker. Der Messingleuchter, die Kerze mit ruhiger Flamme. Griffbereit eine Fernbedienung. Das graue Tuch, das sich als Hintergrund unter dem Sessel fortsetzt.

Aufgenommen in einem Fotostudio, ausgeleuchtet, mit einem Spot versehen, künstlich. Modernes Stilleben.

Ein Platz, sich zurück zu ziehen, fallen zu lassen, zu entspannen. Der Rückzug ins Private. Die Welt bleibt außen vor, wird aus der Distanz erlebt. Nötig und gefährlich.

Gefährlich, weil ich sitzen bleibe, wenn alles um mich tobt, ich mir aber selbst genug bin.
Nötig, weil nur in der Ruhe die Kraft liegt, nachzudenken und Neues beginnen zu können.

Dieses Jahr hat für viele Menschen Widerrum Enttäuschungen gebracht, mit denen sie nicht gerechnet haben. Sie es im privaten, beruflichen oder politischen Bereich. Die Hoffnung auf Besserung und eine zunehmende Orientierungslosigkeit liegen eng beieinander. Diese Welt entwickelt sich mehr und mehr zu einer Welt, die scheinbar nur noch Probleme aufgibt. Dies zeigen Bilder von Kriegen und Kämpfen, von Hass und Diskriminierung, von Zerstörung und Not.

Menschen zeihen sich deshalb zurück, überlassen die Gestaltung des Lebens anderen. Verweigern sich, werden gleichgültig und hoffnungslos. Wünschen, ja verlangen trotzdem ein Leben, das sie ganz persönlich glücklich macht. Wie passt das zueinander ?

Wir werden am 24. Dezember, wie schon so oft, Weihnachten feiern. Anders aber als sonst. Hier in Hergershausen sind wir das bereits etwas gewöhnt. Im dritten Jahr begeben wir uns auf die suche nach dem, was uns das Fest der Geburt Christi bedeutet, welche Auswirkungen es hat. Dies ohne das übliche Drumherum und die alten Weihnachtslieder, so schön diese auch sein mögen.

Mit bluesiger Musik, Herz und interessanten Gästen, die aufgrund ihres Berufes etwas zum Leben zu sagen haben, werden wir unser Verlangen nach Leben zur Sprache bringen, ein Auszubildender, ein Journalist, eine Schülerin aus Sachsen werden von sich erzählen, Möglich, dass wir nach dem Gottesdienst beim Mitternachtspunsch im Gemeindehaus die ganze Nacht beieinander bleiben ...

 

Predigt

Die glorreichen Sieben kämpfen sich seit 35 Minuten in Sat 1 durch mexikanische Dörfer, während ein Mensch mit Namen Bandini in der ARD auf den Frühling wartet. Auf N-TV gibt’s News, Edward mit den Scherenhänden kann von Premiere nicht zurückgehalten werden. Im ZDF schafft man es, die Tür zum Paradies zu öffnen.
Ein kleiner Ausflug ins Fernsehprogramm dieses Abends. Falls Ihr Videorecorder nicht programmiert ist, werden Sie das und noch mehr versäumen.

Das Leben, einfach ins Haus geholt, umschaltbar, fernbedienlich lenkbar. Das Leben, bunt, blutrot und besinnlich. Leben, eigentlich wie sonst auch, warum sollte es ausgerechnet heute anders sein ?
Weil Weihnachten ist ? Meinen Sie das ernst ?

Petra hat mit Werner Schluss gemacht, nach 22 Jahren. Melanie hat ihren dritten Selbstmordversuch nicht überlebt. Herr K. ist arbeitslos geworden und wird sein Kredit nicht mehr abzahlen können; in Jeannins Clique wird neuerdings nicht nur geraucht, sondern auch Heroin gespritzt. Simone wird am Montag, nach dem Fest, wie sie sagt, von Zuhause abhauen. Ihr Vater hat sie in der vergangenen Woche fast totgeschlagen. Dr. M ist endlich oben angelangt, erhält A 16 fährt einen Dienstwagen und hat viel Macht, wie er sagt. Paul Meyer liest schon lange keine Zeitung mehr und Frau Bender, die seit über 14 Jahren in der Partei war, ist wegen der Asylgeschichte aus der SPD ausgetreten. Seit einigen Tagen trägt Martin Springerstiefel und eine Bomberjacke. Eine Mutter hat das ständige Nörgeln ihrer Kinder satt. Herr Winter hat sich einen 260er Benz bestellt, seinen letzten, wie er sagt. Frau Baum hat eine Gallenoperation hinter sich gebracht. Unter jedem Dach ein Ach, meint Witwe Pomonski. Und dann sitzen wir in unserem Sessel, es muss ja nicht dieser sein.

Weil das alles so ist, wie wir es erleben, bleibt für viele nur der Rückzug ins Private, ganz persönliche. Für einige auch nur der Alkohol.

Der Freiburger Wissenschaftler Heinrich Pompey hat festgestellt, dass sich eine „Rette-sich-wer-kann-Mentalität in unserer Gesellschaft breitgemacht hat. Immer mehr Menschen wollten sich ihr privates Glück sichern und mit niemanden mehr teilen. Es sei noch nicht so deutlich geworden, dass materieller Wohlstand und menschliches Glück zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Dies, so sagt er, führt zu einem Gefühl der Ohnmacht. Und das, obwohl unser Staat über den höchsten Lebensstandard verfügt und die besten sozialen Absicherungssysteme besitzt. Die Gesellschaft scheint in eine geistig-soziale und psycho-soziale Katastrophe zu steuern. Menschen werden beziehungs- und lebensunfähig. Vereinsamen, erleben vermehrte Zerstörungs- und Verweigerungslust, werden sprachlos und haben Angst vor Kontakten. Das erlebte Leid wird verschämt privat konserviert und vor anderen verborgen.

Die Frankfurter Rundschau bietet seit einigen Wochen eine ganze Seite für Menschen an, die Rat und Hilfe suchen: 297Kontaktadressen werden ausgelistet. Es geht von Drogenberatung über Selbsthilfegruppen bei Panikattacken bis hin zu telefonischer Stillberatung für Mütter.

Was ist los mit uns, gehen wir an uns selbst kaputt ?
Wir haben vorhin schon einiges darüber gehört, wie man sich dem Leben neu nähern könnte.
Eine Geschichte möchte ich hinzufügen:

In einem alten Buch über die Lofoten in Norwegen kann man lesen: Wenn die ganz großen Stürme erwartet werden, vertäuen einige Fischer ihre Boote am Strand und gehen an Land.

Andere stechen eilig in See. Die Boote, wenn sie überhaupt seetüchtig sind, sind auf hoher See sicherer als am Strand.
Die Kunst der Navigation kann sie retten. Schon bei kleineren Stürmen werden sie am Strand von den Wellen zerschmettert. Für ihre Besitzer beginnt dann ein hartes Leben. Das heißt doch auf unser Leben übertragen: Vertraue dem, was du kannst und wage mutig, so fährst du besser, als wenn du vorsichtig ohne Wagemut zu sichern suchst.
Ich habe nach und nach begriffen: Wer sich in seinen Sessel zurückzieht, wen seine vier Flaschen Bier am Abend oder des wiederholte Sehen der Lindenstraße genügt oder das das Leben ist, der wird auf Dauer am Leben vorbeigehen. Der wird gelebt, ohne dass er es bemerkt. Der ist fast tot, obgleich er meint, doch noch manches mitzukriegen.
Mit dem Leben des Mannes aus Nazareth hat etwas begonnen, was für uns zeichenhaft sein kann. Denn so wie ein neuer Zweig aus einer alten Wurzel treibt, wird sich neues Leben regen, wir Veränderung stattfinden. Das kann sich aus unserem Leben entwickeln, gerade dann, wenn alles wie abgestorben, ausgetrocknet oder abgebrochen erscheint.
Wer stets Anstoß vermeidet, bewegt weder sich noch andere. Wer nie Anstößiges tut, gibt niemandem einen Anstoß. Verlangen nach Leben heißt, Leben wollen und es auch anderen zu ermöglichen.

Und ein letztes: Nichts kommt von selbst, nur wenig ist wirklich von Dauer. Darum lasst uns auf unsere Kraft und Fähigkeiten besinnen und darauf, dass jede Zeit ihre eigenen Antworten braucht. Wir wollen auf ihrer Höhe sein, wenn wir Gutes bewirken wollen. Dafür mach sich unser Leben lohnen und das der anderen nicht vergeblich sein.
Heilig Abend 92 sei der Anfang.

 

Meditation

Wenn es jetzt stiller wird, können wir noch mehr zur Ruhe kommen. Dringend haben wir sie nötig. In der Ruhe liegt die Kraft. Ganz langsam nähern wir uns der Bestimmung, Mensch zu sein.

Leben inmitten von Leben, das auch leben will. Manchmal scheint es, als sei bereits die Axt an unsere Wurzel gelegt, als seien wir die Axt an der Wurzel anderer. Da ist so viel, was mich dann traurig macht, da bin ich mutlos, enttäuscht. Inmitten vieler Menschen kann ich ganz einsam sein. Kaum, dass Leben in mir ist.
Heute Nacht spüre ich, dass ich etwas vom Leben will, warte ich auf Zeichen der Liebe. Wir teilen jetzt Hoffnungstriebe aus, Zweige des Buchsbaumes. Jeder und Jede soll einen davon bekommen, um sich zu erinnern.
Selbst wenn dieser Zweig trocken wird, soll er uns Zeichen sein, dass noch Leben in uns ist und nicht alle Mühe vergebens
bleibt, neu zu beginnen, zu entschuldigen, zu versöhnen, zu lieben. Also nimm und erinnere Dich. Dies hab zum Zeichen heute Nacht.
Nicht, dass Dich jedes Leid verschonen möge, auch nicht, dass Dein zukünftiger Weg stets Dornen trage, keine bittere Träne über Deine Wange komme, kein Schmerz Dich quält, dies alle wünsche ich Dir nicht. Sondern: Dass Du dankbar allzeit die Erinnerung an gute Tage bewahrst. Dass Du mutig durch Prüfungen gehst, auch wenn das Kreuz auf Deinen Schultern lastet, auch wenn das Licht der Hoffnung schwindet. Was ich wünsche: Dass jede gute Gabe in Dir wachse, dass
Du einen Freund hast, der Deiner Freundschaft wert ist. Und dass in Leid und Freud das Lächeln eines Menschen Dich begleiten möge.
Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber soviel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll. Dies, liebe Freunde, meint nicht nur G.C. Lichtenberg. Möglich, dass wir uns auch deshalb hier und jetzt treffen. Uns eint das Verlangen nach Leben, nach dem, was über das Übliche hinaus geht, gerade an eihnachten und gerade, seit Weihnachten ist.
Ich freue mich, dass Sie gekommen sind, woher auch immer, dass wir diese Nacht gemeinsam verbringen. Für mich, für uns, soll sie eine besondere Nacht werden, wegen der Gäste, der Musik und überhaupt. Es wird weitergefeiert, später im Gemeindehaus, auch wenn manchen heute vielleicht gar nicht recht zum Feiern zu Mute war.

Wir wollen versuchen, unsere Gewohnheitsgedanken anzulegen, unsere üblichen Redensarten aufzugeben, alle gestrigen
Begründungen und Erklärungen sein zu lassen. Etwa: „Ich seh das nicht ein“. „Warum denn immer ich“. „Es hat ja doch
alles keinen Sinn“, „Ich denke gar nicht dran“, und so weiter. Alles deshalb, weil die Jahre, die Monate nicht gehalten haben, was sie versprachen. Unsere Seele, unser Leben, was ist los damit? Wir sind hin und her gerissen zwischen Resignation und Orientierungslosigkeit.

Spüren dauernd irgendwelche Ecken und Kanten an uns, an anderen. In vielen Schläfen stecken Krankheiten, von den täglichen Katastrophen in den Familien ganz zu schweigen. Die Hoffnung auf neues, anderes Leben macht sich dünne.
Wir wollen aber Leben. Tun wir doch nicht so, als hätten wir alles im Griff, als wären wir rundherum glücklich, als wären wir zufrieden an Leib und Seele, als hätten wir alles bewältigt. Wie oft sind wir ratlos und ohne Sprache; in unseren Köpfen kreisen Konflikte. Mancher Stein wird zum Mühlstein und dann zum Grabstein. Also heute oder von heute an wollen wir neu anfangen mit dem, was neu werden muss. Ob es besser wird, wer weiß. Aber es muss anders werden, wenn es gut werden soll. Gott helfe uns.

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