Jahr 1993

1993

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1993

 

Texte

„Irgendwann wir die Nacht hell“

... steht in großen Lettern quer über dem Bild. Eine Aussage, ehe banal, vielleicht aber ermutigend gedacht ?

Häufig wurde in den letzten Wochen davon gesprochen, dass es in unserer Gesellschaft so nicht mehr weitergehen könne. Wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt oder machten es noch immer.

Haben wir tatsächlich aus den Augen verloren, dass mit dem „immer mehr“, „immer schneller“, „immer weiter“ und „immer größer“ letztendlich wir selbst auf der Strecke bleiben oder geblieben sind ? – Dann wären wir wahrscheinlich schon klug geworden und längst dabei, uns zu neuen Ufern aufzumachen -. Das scheint zweifelhaft.

Vielmehr erlebe ich häufig Menschen wie erstarrt, kaum fähig, sich selbst und andere zu bewegen.

Die postmoderne zeit hat uns fest im Griff. Ihr Symbol ist das betonte Achselzucken und Sätze wie „da kann ich doch nichts machen“ oder „das ist halt so“.

Viele fühlen sich wie Puppen. Die hier oder dort hingestellt und umdekoriert werden. Die, um eine andere Aufgabe zu erfüllen, auseinander genommen und neu zusammengesetzt werden müssen. Sie passen sich an, schweigen und sind austauschbar.

Einige denken nicht daran, etwas von sich persönlich zu geben und ziehen sich auf ihren scheinbar sicheren Standpunkt zurück. Anderen gefällt dies gar nicht, aber was sollen sie tun ?

Irgendwann wird die Nacht hell; eine Hoffnung ist da, manche spüren das und haben gleichsam dafür eine Kerze in der Hand. Manches kann doch heller, besser, anders, ja das Leben überhaupt lebenswerter werden. Gerade an oder wegen Weihnachten.

Der Schriftsteller Gerhard Köpf drückt das so aus:

„Denn nichts ist entschieden
und nichts geht verloren,
solange Trost und Kraft reichen
und unsere Sehnsucht ungehemmt begehrt“.

Am 24. Dezember machen wir uns miteinander auf in eine lange Nacht. Die Feier in der Kirche lädt zu spirituellem Erleben ein, zum Innehalten und Kraftschöpfen. Bluesige Musik und meditative Texte, auch die Stille sind wichtige Elemente an diesem späten Abend. Beim Mitternachtspunsch im Gemeindehaus findet das Fest am frühen Morgen sein Ende ...

 

Predigt

Liebe Freundinnen und Freunde,

das vergangene Jahr war ein schweres Jahr für viele von uns, auch für mich.

Seit wir uns nicht mehr gesehen haben oder sollte ich besser sagen, seit Weihnachten 1992, hat sich einiges getan.

Für den einen wurde das Leben fast zum unbezahlbaren Luxus. Die andere weiss, dass sie nachdem Ende des Studiums keinen Arbeitsplatz bekommen wird.
Hier ist jemand, dem die Probleme in seiner Beziehung über den Kopf gewachsen sind. Dort einer, der seine Kredite für das abzuzahlende Haus nicht mehr aufbringen kann. In einer Familie hat der Tod beide Eltern genommen, woanders sich jemand an den Rand seiner Existenz getrunken.
Und dann das drum herum: Bilder vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien, jenem menschenverachtenden, zu dem mir alle Worte inzwischen fehlen. Genauso wie zu den Vorgängen in Zaire, Angola, China. Selten wurde die Welt mit Kriegen so überzogen wie 1993. Dazu die Bilder von Gewalt im Fernsehen und auf deutschen Schulhöfen, Berichte von Überfällen auf Asylanten und seltsamen Geschehnissen in Kinderzimmern.

Dann die Erwartungen, die alle nicht erfüllt wurden und die bange Frage, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt.

Wer wird sie beantworten ?

Was wissen wir wirklich von den Versuchen in gentechnischen Labors und über das sich vergrößernde Ozonloch ? Wird es überhaupt wieder Arbeit geben und wie finanzieren wir die Pflegeversicherung ? Ist der gelbe Sack des Rätsels Lösung und wird der starke Mann, nach dem zuviel rufen, nicht doch alles wieder kaputt machen ?

Das Maß ist voll, hören wir seit Monaten, und das wir über unsere Verhältnisse leben. Alle von uns? Und welche Verhältnisse sollen wir überhaupt haben ?

Das immer schneller, immer weiter, immer größer, haben wir doch bereits mit der süßen Muttermilch eingeflößt bekommen. „Sei nie zufrieden mit dem was du hast, es kann immer noch mehr sein.“

In der Einladung für diesen Gottesdienst habe ich meine Beobachtungen geschrieben: Viele Menschen fühlen sich wie Puppen und werden ganz starr und steif angesichts der vielen Dinge, die sie zu bewältigen haben oder die sie bewältigen sollen. Sie werden mal hier, mal dort hingestellt. Werden, um eine Aufgabe zu erfüllen, auseinander genommen, bildlich natürlich, und woanders wieder, je nach dem sie gebraucht werden, zusammen gesetzt.

Anpassung wird gefordert, Flexibilität erwartet, eine eigene Meinung dazu nicht unbedingt erwünscht. Resultat: Gleichgültigkeit, Rückzug ins Privatleben, Desinteresse. Von meinem Arbeitsbereicht, der Schule, muss ich sagen, dass mir dort ähnliches auffällt. Schüler und Schülerinnen mit eigener Meinung sind selten, angepasste häufig zu finden.

Eine Untersuchung aus diesen Tagen aus Nordrheinwestfalen hat mich deshalb nicht überrascht: 60 % der jungen Leute zwischen 14 und 24 Jahren sehen Recht und Ordnung in Gefahr und rufen nach einer starken Hand. Soziales Denken ist nur gering ausgeprägt. Ebenfalls 60 % vertreten die Meinung, dass nur der etwas verdienen solle, der auch etwas leiste.

Unsere Kinder.

Sagen sie nicht - es sei nur Statistik und ohnehin könne man mit Statistik alles belegen. Der Pädagoge Hartmut von Hentig meint: „Die Schule entlässt die jungen Leute kenntnisreich, aber erfahrungsarm; erwartungsvoll, aber orientierungslos; ungebunden aber auch unselbstständig – und einen erschreckend hohen Anteil unter ihnen ohne jede Beziehung zum Gemeinwesen entfremdet und feindlich bis zur Barbarei“.

Wo also soll es hingehen mit Ihnen, mit uns, die wir ihnen Vorbilder sind?

Möglich, das dass vergangene Jahr schwer war oder noch ist, möglicher das dass kommende besser, schlechter, anders wird es auf jeden Fall.

Warum ich ihnen dies alles an Weihnachten erzähle! Weil ich denke, das unser Weihnachten, das Regel-Weihnachten, das Fest der Reichen und Satten, das Fest der Gleichgültigen und Unbeweglichen Anlass genug ist. Das Fest des Friedens oder der Liebe wird doch dann erst dazu, wenn es nicht beschränkt bleibt auf Glanz und Glamour, auf Geld und Gier, sondern das Licht zu strahlen beginnt, das klein zu leuchten begann.

Ich will von Jesus Christus erzählen. Nicht, dass damit alle offenen Fragen zu beantworten wären. Zu oft und zu schnell musste er für Dinge herhalten, die er so bestimmt nicht wollte. Zum Beispiel immer nur das süße Christuskind in der Krippe zu bleiben. Je nach den Zeitläufen ist er bereits alles schon gewesen: Ein Menschenfreund, ein Lehrer und Weiser, ein Revolutionärer, ein Hüter von möglichst bürgerlicher Sitte und Ordnung, ein Moralist, der Sohn Gottes.

Ich denke, er war einfach einer, der da war. In Zeiten, in denen es schwer war, durchlitt er die tiefen Täler anderer mit oder freute sich, wenn etwas zu feiern war.

Warum ihn also nicht heute und später in die Mitte stellen und hochleben lassen ? Ans Kreuz haben wir ihn oft genug schon gebracht. Jesus Christus war jemand, der sich seinen jeweiligen Gegenüber ganz genähert hat. Da spielten Herkunft, Beruf, persönliche Geschichten keine Rolle. Er war ein Mensch für Menschen, dem es schlichtweg weh tat, wenn jemand litt – unter den Bedingungen des Alltags oder unter Fremden und eigenen Zwängen. Und er versuchte, mit den Anderen Auswege aus deren Not zu finden – ohne sie zu verurteilen wegen der möglichen Fehler. Das Leben selbst verurteilt genug.

Irgendwann wird die Nacht hell. Viele haben damals die Erfahrung mit ihm gemacht. Menschen machen sie, wenn einer da ist, der versteht, einer da ist, der Zeit oder Zeit lässt. Der nicht gleich Antworten parat hat. Der warten kann. Dann wird die Nacht hell.

Möglich das sich nicht wenige auch heute Abend hier alleine fühlen und eben gerade denken: Schön wärs, wenn das so wäre.

Ich sage: Versuchen wir doch, aus unseren selbstgefertigten Zwängen heraus zu kommen. Alles was wir erleben, ist Folge unseres Tuns das wir selbst verursacht haben. Das können wir auch ändern. Die Veränderungen meines Lebens fangen bei mir an. Und ein veränderter Mensch erstrahlt wie eine Kerze in der Nacht. Strahlt auf andere aus.

Ich möchte uns alle so gern spüren lassen, das unser Leben jeden Tag neu beginnen kann, sinnvoll und bewusst und mit Hoffnung und sogar mit ein bisschen Courage sogar. Vor allem aber mit einer unverlierbaren Fröhlichkeit weil eben jener Mensch geboren wurde. Das neue Jahr soll kommen. Auch wenn es schwierig werden mag, noch schwieriger. Ein dennoch werden wir ihm entgegen setzen und ein Licht für das Leben anzünden. So soll es sein.

 

Meditation

Und Du hast Dich an Dein Gesicht gewöhnt
obgleich es Dir von der Pubertät an
Probleme gemacht hat.
Bist ganz langsam zu dem geworden,
der Du heute bist.
Hast Dir Nächte um die Ohren geschlagen
mit Freunden und denen,
die man aushält,
einfach nur zum Spaß.
Hast geredet und geredet
und Dir zuweilen den Schädel zugedröhnt
mit Asbach/Cola und vielen Schnäpsen.
Wolltest einfach mal probieren,
wie Du am nächsten Morgen aussiehst.
Ideen hattest Du, ständig neue,
manchmal floss Dir der Mund nur so über davon
und bist doch oft genug damit eingefallen.
Hast Dich ausbilden lassen,
immer wieder mal neu, jahrelang,
bist einer von denen geworden,
für Morgen und übermorgen
wie gestern und vorgestern sein wird.
Hast heftig Geld verdient
und doch gab’s Zeiten,
da hattest Du keine müde Mark.
Bist gereist von Westerland bis zu den Kanaren
die Frauen in Bangkok kennst Du so gut wie die in Frankfurt.
Zahllose Menschen sind Dir begegnet,
Deine Mutter, Lehrer, Freunde, Penner,
Menschen, die Du nie mehr vergessen konntest,
obwohl Du die Erinnerung heftig bekämpft hast.
Geheiratet hast Du zweimal und dennoch immer weiter gesucht.
Im Treibsand der Gegenwart hast Du langsam den Stand
verloren.
Hast Dich durch Sehnsüchte gewälzt und deine Angst bekämpft.
Aber sie blieb.
Die Angst vorm sterben und wenn Du ehrlich bist,
auch die Angst vorm Leben.
wohin geht’s mit Dir und all denen,
die etwas vom Leben erwarten.
Die nicht so sind wie Du und doch sind.
Mehr als nur vorhanden.
Deine Geschichte ist nicht meine Geschichte,
nicht unsere.
Aber alle Geschichten berühren sich an einem Punkt.
Dem, an den ich mir eingestehe
dass ich, warum auch immer, nicht weiterkomme.
Nicht weiter kann.
Nicht weiter will.
An diesem Punkt spüre ich,
weiß ich,
wird es Nacht um mich.
Ich fühle mich wie erstarrt, mehr noch, wie tot.
Mir kommen Sätze in den Kopf, von denen ich weiß, dass sie es geschafft haben, mich hierhin zu bringen.
Sätze, die ich oft gedacht, gesagt, einfach nur vor
mich hingeplappert habe.
Manchmal so lange, bis ich sie selbst glaubte.
Das ist halt so
ist doch egal
jeder so, wie er will
es kommt drauf an
das ist dein Problem
interessiert mich nicht
Schicksal
was bringt mir das
da musst du durch
mach mir keinen Stress
was geht mich das an
man kann es nicht allen recht machen
halt Dich da raus
Worte, wie eingemeißelt in meinem Kopf
Worte, die dazu beitragen, Menschen und Situationen
nicht mehr wahrzunehmen.
Woher kommt mir Hilfe?
Eine Kerze mit der Aufschrift: sich erinnern an Hergershausen 93.
Warum sollte ich mich erinnern? Woran?
Etwa daran, dass ich Sehnsüchte habe und Träume und Wünsche?
Einer Kerze, aus Paraffin, bestehend, mit einem Docht in
der Mitte.
Es ist eine große Kerze, sie kann lange brennen, wenn
ich sie anzünde.
Sie muss angezündet werden, dass ihr Licht erstrahlen kann.
Sie macht hell, sie wärmt sogar.
Eine Kerze in einer dunklen Nacht kann unglaublich hell
machen, ihr Licht ganz weit leuchten. Je länger sie
brennt, umso mehr verzehrt sie sich für den, der sie
benötigt. Ihr Licht und ihre Wärme.
Vielleicht sind es sogar viele, die etwas von der einen
Kerze haben oder haben wollen. Viele Kerzen könne da
noch viel mehr erreichen. Es kann ein Lichtermeer werden
mit Wärmewogen. Die Nacht muss nicht länger dunkel und
kalt bleiben. Mir kann ein Licht aufgehen. Nachher.
Draußen in der Dunkelheit.
in der heutigen Nacht.

Jetzt sitze ich in dieser alten Kirche
Und bin doch noch gar nicht richtig hier.
Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu ordnen.
Ich bin so besetzt von den Dingen, die hinter mir
liegen: Der Vormittag und die Hektik der vergangenen
Stunden, die Unruhe, die von manchen ausging. Die unge-
wohnte Feierlichkeit, die mich irgendwie verkrampfte.
Die verschiedenen Erwartungen und Bedürfnisse, die auf
Erfüllung drängten.
Ein Brief, heute eingetroffen, der Erinnerungen wach-
rief; ein anderer, nicht abgesandt, der mich jetzt noch
belastet. Die Geschenke, mit denen ich Freude machen
wollte und die, die mir zugedacht waren.
Und nun dies hier: die Glocken, die Lichter, die Musik,
die Menschen. Leute, die ich zu einem großen Teil gar
nicht kenne. Was geht in ihnen vor? Welche Erfahrungen
haben sie hinter sich? Was erwarten sie heute Nacht.
Irgendwann wird die Nacht hell. Es ist schon eine merk-
würdige Sache, so ein Spätgottesdienst in der Christnacht.
In der Geschichte von der Geburt damals hieß es, alles
sei bereits besetzt gewesen. Doch Christus hat einen
Platz in der Welt gefunden. Einen kleinen nur. Auch bei
mir. Wenn ich ganz ehrlich bin: anderes hat da viel
mehr Raum.
Heute Abend soll es anders, sein, möglicherweise
auch morgen.
Ich will Zuflucht finden und meine besetzten Gedanken
weiten. Hineinleuchten lassen in mich, wo ich selbst nicht
gerne hinsehe und auch andere nicht hinsehen lasse. Weil
es dort so unordentlich ist, soviel Gerümpel herumliegt,
das sich im Laufe der Jahre angesammelt hat.
Darum bitte ich heute Abend, dass etwas von dem weihnacht-
lichen Licht in meine Dunkelheiten strahle. Mir helfe,
mich wieder in mir zurechtzufinden. Darum bitte ich
Gott.

Lied: Irgendwann wird die Nacht hell

Irgendwann wird die Nacht hell
schön wär´s
warum nicht
dann aber auch für mich
klar
und für mich
und mich
vielleicht
wie aber soll geschehen
na ja, es könnte bedeuten dass
was
dass Du selbst
was ich
ja, Du
wir

dass Du selbst was dafür tun kannst
musst
vielleicht auch
also was
sich herablassen
zuwenden und zuneigen
nicht besitzen wollen
nicht besitzergreifend sein
nur wenig Vorschriften machen
besser keine
vielleicht mal was empfehlen
ein wenig anders denken
warum nicht
sich nicht als Gottweißwer aufspielen
einen Fehler eingestehen
vorsichtig
sich ein paar Sorgen machen
sich gegenseitig ernst nehmen
nicht dauernd nur verdrängen
muss auch mal sein
zusammen essen und trinken
traurig sein
auch trösten
aber nicht nur vertrösten
nicht immer alles besser wissen
ratlos sein
dies auch eingestehen
echt
warum nicht
nichts wissen und doch schweigen
oh
lieben
glauben
hoffen
darauf vertrauen, dass auch anderen ein Licht aufgeht
ist aber alles so schwer
bin ich nicht gewöhnt
muss das sein
ich sag: wer sich nicht bewegen will oder kann
weil er sich ganz erstarrt fühlt
vom hin und her
weil er vielleicht meint
er
oder sie
sei der oder die einzige auf der Welt
danach käme nichts mehr
und davor sei auch nichts rechtes gewesen
der ist anscheinend von allen guten Geistern verlassen
das ist bei vielen schon der Fall
zu vielen
und sie fühlen sich ganz leer
erwarten nichts, rein gar nichts mehr
Wenn wir uns also nicht aufmachen,
werden wir das Licht nicht finden
wir haben uns aber aufgemacht
genau
richtig,
korrekt
also feiern wir
machen wir Pläne
nehmen wir uns an der Hand
Menschen, die wir sind
verloren, wie wir manchmal scheinen

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