Jahr 1994

1994

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1994

 

Texte

Seit 1990 treffen sich am Heiligen Abend in Hergershausen (bei Babenhausen) Menschen zu einem Gottesdienst, um nicht nur mit Glanz und Glamour Weihnachten zu feiern. Vor allem nicht deshalb, weil es schon immer so war.

Der Gottesdienst in der alten Dorfkirche und die sich anschließende nächtliche Feier im nahen Gemeindehaus laden ein, sich trotz vielerlei Vorbehalte und Erfahrungen auf eine andere Art Weihnachten einlassen.

„... und es bewegt mich doch!“
Schwingende Kugeln, vierfach aufgenommen und auf ein Negativ belichtet, verdeutlichen bildlich das Thema des Gottesdienstes am Heiligen Abend ´94 in Hergershausen. Die Fotografin Sabine Antonius hat Bewegung in einem Spiel dargestellt, die man mit dem bloßen Auge nicht sieht.

„... und es bewegt mich doch!“
Angesicht vieler Nachrichten von Leid und Elend, Gewalt und Krieg, Hoffnungslosigkeit und Armut, vom immerwährenden Kampf der Ellenbogen und dem „Sich-durchsetzen-wollen“ um jeden Preis, dem Rückzug ins Private oder auch dem Sturz in den absoluten Konsum schalten Menschen ab oder wirken desinteressiert.

„... und es bewegt sich doch!“
Wie die Kugeln im Spiel berührt viele mehr, als sie zugeben können oder wollen.
Vielleicht, um sich selbst ein Stück vor Zerstörung zu schützen oder weil sie keinen anderen Rat wissen, verharren sie scheinbar bewegungslos.

„... und es bewegt sich doch!“
Häufig, beinahe trotzig geäußert, höre ich diese Worte. Menschen sind eben keine Maschinen, die einfach abschalten können, wenn ihnen etwas unter die Haut geht. Jeden Tag stürmen Ereignisse auf uns ein, die verarbeitet werden können. Krankheiten sind ein Ausdruck verinnerlichter Not.

Kompetente und engagierte Gäste erzählen im Gottesdienst von dem, was sie beruflich oder persönlich bewegt. Zeichen der Hoffnung für viele an diesem Abend und über das Fest hinaus.

Bluesige Musik und viele Lieder, meditative Texte und zum ersten Mal eine Abendmahlsfeier laden Menschen ein, die sich auf den Weg machen, das weihnachtliche Licht in ihr Leben leuchten zu lassen.

Schön wär´s, beim Mitternachtspunsch ins Gespräch zu kommen.

 

Predigt

Babenhausen. „Natürlich lasse ich mich wieder nach Hergershausen fahren, wenn ich gesundheitlich kann, versichert Margarete Oppelt (80), die in einem Darmstädter Altersheim lebt. „Im vergangenen Jahr war schließlich alles ganz große Klasse“.

Sie spricht vom späten Gottesdienst am Heiligen Abend, der in diesem Jahr zum fünften Mal um 22.00 Uhr in der alten Dorfkirche gefeiert wird.

Der Gottesdienst ist von Anfang an für Menschen gedacht, die sich trotz mancher Vorbehalte und Erfahrungen auf eine andere Art Weihnachten einlassen möchten und diesen Abend anders feiern wollen.

Zunächst überwiegend für die Schülerinnen und Schüler seiner Berufsschule, der Offenbacher Theodor- Heuss-Schule, gedacht, entwickelte der damalige Pfarrer im Schuldienst, Wolfgang H. Weinrich (Hergershausen), sein „Heilig Abend Projekt“ zunehmend für Menschen, die mit Weihnachten ihre Not haben. Etwa, weil sie allein sind, Schlechte Erfahrungen an diesen Tagen gemacht haben, weil „Vater betrunken auf dem Sofa lag“, weil am Fest zuviel versprochen und zu wenig gehalten wurde, weil hinter dem Idyll der Liebe der Hass sich versteckt hielt.

„Nur in Hergershausen erlebe ich Weihnachten als Fest der Freude, der Liebe. Es sind die einzigen Stunden in der Weihnachtszeit, in denen ich sehr glücklich bin“, beschreibt Christina Lange ihre Gefühle.

Es kamen über nicht nur junge Leute aus Offenbach, auch aus dem Ort selbst und der Region wurde der Gottesdienst ohne Weihnachtslieder, dafür mit Bluesmusik als merkwürdige Alternative angenommen.

Spät in der Nacht ist in der 1700-Seelen Gemeinde im Kreis Darmstadt-Dieburg noch etwas los: Autos mit unterschiedlichsten Kennzeichen werden eingewinkt, man hört laute „Hallos“, drinnen ist die Kirche bis auf die beiden Emporen hinauf gut gefüllt. Die Band probt bereits mit den ersten Besuchern die neuen Lieder.

Ganz langsam legt sich dann, ausgelöst durch besinnliche Texte, Lieder zum Mitsingen und meditative Stille, eine seltsam anmutende Stimmung über alle, die nach der Bescherung, mit oder ohne Familie, nach einem guten Essen, sich dem Ereignis des Heiligen Abends stellen. Zu finden, was verloren gegangen scheint, strömen jährlich Hunderte in die festlich geschmückte Kirche.

„Die Feier hat mir geholfen, Weihnachten im Sinne Jesus Christi nahe zubringen und über mein Leben nachzudenken, ohne die Hektik des Alltags, ohne das schwülstige„Stille Nacht, Heilige Nacht“, die man singt und vergisst“, meint Gertrud Oesterling.

Nicht alle Besucher kommen jedes Jahr wieder: Manche wollen auf die alten Lieder nicht verzichten oder ihnen ist die Musik zu laut, andere klagen über mangelnde Feierlichkeit. Erfreulicherweise gibt es am Heiligen Abend ein breites Angebot in den Gedanken, von dem sich jeder das, was ihm gefällt, aussuchen kann.

Claudia Stephan notiert für sich: „Was mich sonst an den Gottesdienst immer gestört hat, war die Trübseligkeit. Ich vermisste bislang eine aufgelockerte oder auch leicht spirituelle Atmosphäre, die es erlaubt, sich als Mensch zu fühlen“.

Nicht alle Gottesdienstbesucher sind evangelisch oder katholisch, schon gar nicht alle sind Christen. Was sie aber eint, ist die Suche nach dem Menschlichen und der Nähe Gottes.

„...und es bewegt mich doch!“ lautet das Thema 1994. Es wird seit Wochen von einem Mitarbeiterkreis vorbereitet. Pfarrer Wolfgang H. Weinrich, inzwischen Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit in der Propstei Süd-Starkenburg, möchte mit jedem neu entwickelten Gottesdienst„Mut machen, dass Menschen ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen und Hoffnung ins Herz zu pflanzen“.

Weil dies ein Ziel bei jeder Feier ist, beginnt die Vorbereitung eines Gottesdienstes bereits früh. Bereits im September wird das Thema geplant, über die Gestaltung des Abends gesprochen undüber die Vergabe der Kollekte. Die Frage, welche äste eingeladen werden, ist zu klären, die Musiktexte sind zu schreiben, die Arrangements der Lieder und die Proben zu verabreden, das Motiv für das Plakat zu entwickeln, das Erinnerungsstück zu bedenken.

Bei all den vielen Vorbereitungen, den langen Gesprächen und Telefonaten, den aufmunternden Worten: „Ihr macht doch
hoffentlich auch in diesem Jahr wieder einen Gottesdienst?“ und auch mancher Kritik: „ Die Kerzenflecken auf dem Boden
der Kirche hätten nicht sein müssen“ freut man sich in Hergershausen auf das Ereignis 1994

Vier Gäste werden stellvertretend im Mittelpunkt stehen und darüber berichten, was sie beruflich und privat bewegt und warum sie angesichts vieler hoffnungsloser Meldungen doch nicht einfach abschalten: Ein Verwaltungsbeamter und ein Marketing- Berater, eine Psychotherapeutin und eine Ausländerbeirätin.

Fünf Jahre „Heilig Abend Projekt“, Anlass genug, zum ersten Mal ein Abendmahl im Gottesdienst zu feiern, mit Brot und ein.

 

Meditation

Aus Lärm und Hetze,
aus Langeweile und Leere,
aus Ablenkung und Überfülle
bin ich heute hergekommen
Habe so vieles in mir, was mich umtreibt
belastet und bewegt.
Bilder über Bilder in meinem Kopf.
Gedanken, Erinnerungen, Sprachfetzen.
Begegnungen, Eindrücke, Geschichten,
neue Erfahrungen und Wissen um Vergebliches,
Enttäuschungen und Trennungen,
Abschiede und ein ständig pochendes Herz.
Immer noch.
Ich finde mich wieder auf dem Weg zu mir.
Mein Atem nimmt mich mit.
Jeder Atemzug nimmt mich mit in die Tiefe meines Lebens.
Alle Geräusche um mich herum fließen an mir herunter
wie Wasser an Öl abperlt.
Mein Atem trägt mich zu dem, was und wer ich bin.
Ich erreiche das Meer der Stille,
das Schweigen, aus dem alles kommt
und die Ruhe auch in mir
und fühle mich ... gehalten.

Alles um mich herum ebbt ab:
hört auf: ich bin ganz bei mir und habe Zeit.
Ein Hauch von Ewigkeit legt sich sanft auf mein Leben.
Die Kugel in meiner Hand.
Ganz aus warmen Holz,
ungewöhnlich rund,
ohne Ecken und Kanten,
abgeschliffen.
Ein Stück Leben.

In der Mitte offen,
und mit einem farbigen Band versehen.
„Sich erinnern an ...“

Erinnern daran, dass sich etwas bewegt in meinem Leben.
Ich selbst entscheide, für mich Worte hinzuzufügen:
- dass sich etwas in meinem Leben bewegen muss,
- dass sich etwas in meinem Leben bewegen soll,
- dass sich etwas in meinem Leben bewegen hat,
- dass sich etwas in meinem Leben doch noch bewegt ?

„... und es bewegt mich doch ?“

Oft bin ich wie lethargisch, gehemmt, müde.
Frage mich, für wen, wozu und warum.
Sehe keinen Grund, mich zu betätigen, zu engagieren, das Wort zu führen.
Die Nische wird mein Stammplatz,
Die Beliebigkeit mein Maxime.

Oder:

Ich bin den ganzen Tag in Bewegung,
finde keine Ruhe, weil es noch soviel zu tun gibt,
komme nicht zum Luft holen
dröhne mir immer mehr den Schädel zu:
ein Kalender bestimmt mein Leben,
Abwechslung gibt’s genug“

„... und es bewegt mich doch!“

Mein Leben ist einmalig.
Begeisterung bringt zum Schwingen
Anstöße sind nötig.
Bewegung schafft Leben.

Wer sich selbst zu ernst nimmt,
geht anderen auf die Nerven und schätzt die Lage selten gut ein.
Wer sich selbst nicht ernst genug nimmt,
weicht aus und lässt Wichtiges unbewältigt.
Trotzig klingt es auf: „... und es bewegt mich doch!“
Es kommt auf die Betonung an.
Ganz leise sage ich es vor mich hin: ...
... und entscheide damit, ob dieser Abend für mich zum besonderen,
Heiligen Abend wird,
an dem ich begreife,
was mit in Zukunft wichtig werden kann.
Allein deshalb, weil Jesus Christus heute geboren ist und er uns hier zusammenführt.

Auf dem Weg zu mir kreuzen sich viele Wege.
Gedanken werden zu Kugeln,
stoßen an,
erzeugen Lebenskraft,
die ich brauchen werde
für die vielen Tage und Nächte meiner Zeit.

Auf dass wir alle leben,
die Enttäuschten lachen,
die Verbitterten glücklich
und die Hoffnungslosen zuversichtlich werden.

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