Jahr 1995

1995

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1995

 

Texte

... und der Himmel schaut zu !

Himmel !

Ein Wort, sprichwörtlich geworden.
In der Klage „Das schreit zum Himmel“ oder der Furcht „Mir ist himmelangst“.
Im Seufzer „Du lieber Himmel“ oder im Lied „Knocking on Heavens Door“
Im Fluch: „Himmel“, ... und Zwirn“ oder der Farbe „Himmelblau“.
In der Liebe „Im siebten Himmel sein“ oder in der Werbung: „... einfach himmlich!“
In der Dichtung: „Die Schleusen des Himmels öffnen sich“ oder im Glück: „Den Himmel auf Erden haben“
In der Enttäuschung: „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel“ oder der Religion: „Vater im Himmel“.

... und der Himmel schaut zu !

Die Luftaufnahme zeigt den Ort Hergershausen (bei Aschaffenburg). Der Blick von oben auf das, was nicht zu sehen, aber doch zu ahnen ist: Schicksale in der nahen Ferne oder in der fernen Nähe.

Mitten im Alltäglichen liegt der 24. Dezember. Anlass für viele, ihr Leben in einem anderen Licht zu betrachten. Dem Licht von Weihnachten. Für einige kommt alles wie aus „heiterem Himmel“, andere haben in den vergangenen Wochen „Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt“ oder waren „himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt“. Wie vielleicht in jedem Jahr zur gleichen Zeit. Sehnen sich jetzt nach dem Fest, das Mut macht und Hoffnung ins Herz pflanzt, abseits von leeren Versprechungen und falschen Idyllen.

Die kleine evangelische Kirche liegt, kaum erkennbar, am Rande des Dorfes. Dort treffen sich Menschen aus allen Himmelsrichtungen, Menschen verschiedenen Alters und Glaubens und sicher verschiedener Weltanschauungen. Sie verbindet eines: Weihnachten anders zu feiern. Sie wollen finden, was ihnen verloren gegangen ist: Ein Stück des Himmels in ihrem Leben.

Stimmungsvolle Atmosphäre, meditative Stille, swingend bluesige Musik, nachdenklich machende Texte und eher ungewöhnliche Stilelemente tragen zu einer Feier bei, die nachwirkt ohne das blaue vom Himmel zu versprechen.

... und der Himmel schaut zu !

Herzliche Einladung an alle, die Heilig Abend 95 in Hergershausen den Himmel erden und die Geburt Jesu Christi feiern wollen, eben anders und gerade deshalb. Beim Mitternachtspunsch im Anschluss an den Gottesdienst bleibt genug Zeit zum Verweilen.

Möge der Himmel Sie bis dahin behüten !

 

Predigt

1.
So, liebe Weihnachtsgemeinde, jetzt habe ich mich raufgearbeitet. Nicht so weit oben wie der Flugkapitän, Herr Geisinger. Aber immerhin: Ich habe sie wieder, meine liebste Position: leicht entrückt, etwas erhöht mit gutem Überblick.

Besser wäre es noch, Sie würden nichts von mir erwarten – ich hätte also meine Ruhe, aber trotzdem alles im Blick. So einen Hochsitz hab´ ich schon als Kind gern gehabt. Auf langweiligen Spaziergängen mit den Eltern habe ich keinen ausgelassen. Ganz ohne Jagdabsichten.
Die reine Beobachtungsposition.
Fast wie ein Flugzeug.
Und so ist es im Grunde bis heute:
Ich habe den idealen Ort für kritische Betrachtungen und eingehende Beobachtungen. Auch für gute Ratschläge bietet diese Lage eine gute Ausgangsbasis.

2.
Der Ort ist auch für Weihnachten nicht schlecht: Ich bin zwar nicht ganz weg, aber ich bin auch nicht ganz da.

Manche fliegen ja extra weit weg, um Weihnachten ganz und gar zu entkommen. Man braucht dann nicht nur nicht mitzumachen mit“ Süßer die Glocken nie klingen“, sondern man braucht es noch nicht einmal zu sehen. Weichnachten wird umschifft, umflogen, damit es weg ist.

Aber ich mache auch nicht einfach das Normalprogramm der Familienidylle mit Bescherung für die Kleinen, Weichnachtsgans und Weihnachtsbaum.

Ich mache ein bisschen mit, aber ich setzte mich nicht in ein Flugzeug um Weihnachten ganz und gar zu entkommen. Ich versuche ein wenig das Stinkbiedere zu vermeiden. Nicht direkt mitmachen, aber zugucken und irgendwie dabei sein.

Also komme ich hierher nach Hergershausen und besuche den etwas anderen Weihnachtsgottesdienst – und schaue zu, wie denn so was abgeht, so ein alternativer Weihnachtsgottesdienst.

3.
„... und der Himmel schaut zu!“ ... ich auch!

Und ich muss feststellen, so alternativ bin ich gar nicht. Sechs Meldungen“... und der Himmel schaut zu!“ Und: „... und ich schau zu!“ Ich befinde mich in bester Gesellschaft. Es ist die Gesellschaft der immer besser informierten Zuschauer. „ Hast du heute schon – genug – geglotzt?“ Was soll die ständige Steigerung von Informationen, die für mein Handeln völlig egal ist, mich bestenfalls betroffen macht, meist aber nur einen unterhaltsamen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagt? Was sollen Bilder vom Busunglück am Weißen Nil?

Vielleicht ist deshalb das Fliegen so schön (und wird fast wie ein Volkssport betrieben), weil ich auf diese Weise auch äußerlich alles verdrängen kann: Von weitem sieht auch noch der Atompilz schön aus. Und das schreckliche Ereignis kann nicht schrecklich genug sein, um nicht im Reality-TV als beste Unerhaltung zu dienen.

4.
Aber, ich gebe zu, es ist auch einfach wunderschön zu fliegen: frei, ungebunden.
Schon als Kind habe ich immer davon geträumt und dann mit Begeisterung ferngesteuerte Modelle stellvertretend in die Luft geschickt. Und wenn ich heute schließlich mal selber abhebe, dann ist das mehr, unendlich viel mehr als bloß das Mittel zum Zweck, etwas schneller von A nach B zu kommen. Und wenn ich ohne Motor durch die Luft gleite, dann ist das auch unendlich viel mehr als bloß irgendein Sport. Nein, ich hebe wirklich ab. Die Erdenschwere, die Zähigkeit des Lebens bleibt am Boden.

Allein dieser Übergang, er bleibt immer überwältigend: „ Zuerst trägst du ihn, dann trägt er sich.“ – Sie ahnen es, ich rede im Augenblick vom Drachenfliegen. – Und dann ganz im anderen Element. Die für Landgänger gültigen Bewegungen für rechts/links, rauf/runter, schnell/langsam gelten nicht mehr. Ich bin in einem ganz anderen Element. Laufen, Umdrehen oder Stehen bleiben macht alles keinen Sinn mehr. Aber am Steuerbügel ein bisschen drücken oder ziehen, nach links oder rechts schieben – das ist die Sprache, die hier gesprochen und verstanden wird.

Und das schönste ist: ich bin doch noch in derselben Welt. Ich selbst bin oben oder im anderen Element und doch seh´ ich sie ganz deutlich. Meine Erde zu der ich gehöre, ist wunderschön. Hier oben in der Luft fällt der Druck des Erdenbürgers von mir ab. Ich seh´ sie wohl, die Erde, aber beim Abheben ist die quälende Liste der unerledigten Dinge am Boden geblieben. Auch so manch schwere Beziehungskiste liegt weit weg da unten.

- time out, welche ein Glück!

Einfach fliegen und gucken, sonst nicht. Ich bin ein Teil vom Himmel und schau zu.

Einfach wunderschön. Und dass mit das keiner mies mache! Das Leben wäre nichts ohne solche Pausen.

5.
„... und der Himmel schaut zu!“ – Aber ist das alles?!
Ja, was den Himmel betrifft, schon. (Da kann passieren, was will – egal)

Meine Hoffnung ist, dass Gott im Himmel mehr ist als der Himmel, der passiv zuguckt und alles gleichgültig geschehen lässt. Meine Hoffnung ist, dass Gott im Himmel nicht nur gleichgültig zuschaut, dass er nicht ein langweiliger und gelangweilter Gott ist. Die große Geschichte von der Erdung des Himmels, die uns hierher in diese Kirche gebracht hat, lässt mich hoffen, dass Gott sich einmischt. „Im Himmel hoch, da bleib ich gern“, sondern: “Vom Himmel hoch, da komm ich her!“

6.
Und das schönste ist dabei: Gott mischt sich weder sichtbar noch hörbar, sondern spürbar ein. Geben wir´s doch zu: Weihnachten ist doch eine Veranstaltung fürs Gefühl (und gerade deswegen ist sie ja so schwierig, weil alle Gefühle, die wir sonst verdrängt haben, hervorquellen wie der Wasserdampf aus einem schlechten verschlossenen Dampftopf).

Und das ist weder schlimm noch verkehrt, weil die große Geschichte von der Erdung des Himmels nichts anderes erzählt, als dass sich Gott spürbar einmischt. Gott kommt nicht als intelligenter Schlaumeier und nicht als gewaltiger Befehlsgeber, sondern als Liebe. Und was dabei herauskommt, wenn Liebe kommt, das liegt – jedenfalls bei einer Form der Liebe – auf der Hand, oder besser gesagt in diesem Fall in der Krippe: ein Kind.

7.
Ich glaube, es kommt darauf an, wie ich zuschaue, Kanzel, Hochsitz, Fernsehen, Fliegen – alles ist erlaubt. Es kommt darauf an, wie ich zuschaue. Gucke ich nur interessiert, besserwisserisch, distanziert, belehrend, ....zu, dann passiert gar nichts. Allein der Zynismus steigt.

Krieg ich aber einen liebenden Blick, dann hält´s mich irgendwann nicht mehr in der kalten Distanz.
Dann kann ich nicht mehr anders, dann muss ich runter, hin zu Dir oder zu Dir, zu Ihnen oder zu Ihnen. Ich muss mich dann einmischen. Ich ertrage das Beobachten nicht mehr. Ich ertrage die Analyse nicht mehr, die mir mit fatalem Achselzucken sagt, warum dies oder das oder jener Mensch so schrecklich oder ich selbst so schrecklich bin.

Gott hat diese üble Distanz, diese üblen Blick nicht mehr ertragen und ist vom Himmel auf die Erde gestiegen. Warum soll es mir anders gehen?

„... und der Himmel schaut zu!?“ – Der liebende Blick – das ist die Alternative.

Ich gehe jetzt jedenfalls wieder runter.

Amen.
(Dr. Klaus Bartl)

 


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