Jahr 1996

1996

Seite drucken

 

Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1996

 

Texte

„und hätte die Liebe nicht...“

Liebe ist sprichwörtlich.
Man kann „vor Liebe blind sein“ oder „von Liebe allein nicht leben“,
„Liebe auf den ersten Blick“ erleben und oder gar jemanden „vor Liebe auffressen wollen“.
Es geht das Gerücht, dass „gegen Liebe kein Kraut gewachsen“ ist
und vor allem „Liebe durch den Magen geht“.
Böse Zungen behaupten, dass die „Liebe, wo sie hinfällt, liegen bleibt wie ein Misthaufen“.

Was also ist Liebe ?

Natürlich weiß es jeder und keine so recht. Gewiss ist es mehr als C6H5(NH2)CH3, eine chemische
Substanz, die angeblich im Gehirn das Liebessyndrom auslöst.

Am Anfang unserer Gespräche zur Vorbereitung des Gottesdienstes am Heiligen Abend stand die Auseinandersetzung darüber, was Liebe ist.
Wir stellten fest: Zwölf Menschen, zwölf Meinungen, zwölf Erfahrungen, zwölf Ansprüche, zwölf Hoffnungen, zwölf Enttäuschungen ...
Sie verstehen ?

Mit dem Wort Liebe kommt häufig ein ganzes Paket Anforderungen an sich selbst und an andere einher. Der Satz lautet nicht einfach: „Ich liebe... dich“, sondern auch: „Wenn du richtig mit mir umgehen willst, berücksichtige bitte meine Vergangenheit, meine Erziehung, meine Erwartungen, meine Phantasien, meine Situation, meine Verletzungen, meine Sexualität, meinen Glauben...

„Ich liebe dich“ zu sagen, dauert drei Sekunden.
Meine Geschichte auszudrücken, die dahinter, darunter verborgen ist, kann eventuell Stunden, Tage, Monate dauern, ohne dass alles damit gesagt wäre. Schon gar nicht vom anderen.

Es scheint vieles im Leben zu geben, das wichtiger ist als Liebe. Das meiste davon ist käuflich.
Wirkliche Liebe gehört wohl eher nicht dazu. Dennoch vermute ich, dass wir Menschen im Grunde unseres Herzens zwei Anliegen haben: Frei zu sein und geliebt zu werden.
Ein Widerspruch. Warum nicht ?

„und hätte die Liebe nicht...“
Was wäre dann ?

Für das Thema gibt es keine Altersbeschränkung. Ob mit 12, 25, 49 oder 70 Jahre, darunter oder darüber. Liebe, sie lässt sich nicht festlegen, wann sie kommt oder wann sie geht.

Wir werden uns im Gottesdienst in der Christnacht diesen Gedanken, unseren Sehnsüchten, Erinnerungen und Hoffnungen widmen.
Dazu gibt´s bluesige und meditative Musik der Band, viel Gesang, wir hören ungewöhnliche Klänge von Alphörnern.
Ein „Überraschungsgast von oben“ kommt und zwei, die noch nicht wissen, wie ihnen geschieht. Aus Liebe.

Und zur Erinnerung erhält jede / r noch etwas dazu...

Zum Mitternachtspunsch treffen wir uns im Gemeindehaus, Zeit für eine lange Nacht.

 

Predigt

Eine Liebesgeschichte

Ruth Selzer-Breuninger:
Gibts etwas besonderes in Sachen Liebe, Weinrich?
Über die Kunst des Liebens oder das An und für sich von Mann und Frau?

Wolfgang H. Weinrich
Es gibt immer etwas besonderes in dieser Angelegenheit, Selzer-Breuninger.
Soll ich über Teilzeitbeziehungen referieren oder über das Singledasein, über Liebe zwischen den Geschlechtern, Liebe im Alter, Liebe im Verborgenen oder Liebe am Vormittag?

Ruth Selzer-Breuninger:
Woher Sie immer Ihr Wissen beziehen, Weinrich. Das läßt aber tief blicken.

Wolfgang H. Weinrich
Keinerwegs, Selzer-Breuninger. Wahrscheinlich ist wenig dabei, was Sie nicht auch bereits kennen aus Ihren frauenbewegten Kreisen. Als Frau sehen Sie bestimmt vieles aus einem anderen Blickwinkel.

Ruth Selzer-Breuninger:
Das will ich meinen, Weinrich. Wenn ich vom Sex im Alter rede, an Tabus denke, die es noch gibt, oder an Antworten vom Dr. Sommer-Team aus der Bravo, kann ich nur sagen: Wie gut, daß ich kein Mann bin. Sie haben da wohl mehr Nöte mit der Liebe?

Wolfgang H. Weinrich
Langsam, langsam, Selzer-Breuninger. Ich wollte keine Frau sein. Es ist doch wohl nicht mehr so, daß nur Frauen allein sich in diesem Thema auskennen.
Wir wissen inzwischen mindestens genauso viel über Liebe, Treue, Trends, Trauerarbeit, über Nähe und Distanz, wie Sie. Immerhin gibt es schon längere Zeit Männergruppen zur Erforschung der männlichen Gefühlswelt.
Wir lesen, sehen fern, ziehen, gestatten Sie, Selzer-Breuninger den Ausdruck, gewisse Videos rein, und schreiben Tagebuch.

Ruth Selzer-Breuninger:
Ist das alles? Weinrich. Ist das alles, liebe Gäste am Heiligen Abend?
Also heraus aus den beiden Rollen und zu uns:
Zu uns hier mit all unseren Wünschen, Erwartungen, Enttäuschungen, zu unserer Liebe
Zu Weihnachten - dem Fest der Liebe

Wolfgang H. Weinrich
Auf jeden Falll, Ruth: Ohne Liebe geht gar nichts!!

Ruth Selzer-Breuninger:
Ich glaube, Liebe ist nicht so romantisch, so harmonisch und voller Gefühlspudding, wie uns das immer eingeredet wird - schon gar nicht am Heiligen Abend.

Wolfgang H. Weinrich
Wir feiern Weihnachten, weil es um unsere Sehnsucht geht, nicht allein zu sein, um unser Verlangen nach Liebe und Glück.

Ruth Selzer-Breuninger:
Natürlich geht es um Verlangen um Sehnsucht, besonders zu Weihnachten werden Gefühle schöngeredet, Sehnsüchte romantisch mit Goldflitter versehen und Stimmungen zugekleistert. Mit der Außenseite der Liebe ist es ganz genauso: man investiert eine Menge ins Outfit, damit man geliebt wird. Leider fällt der tolle absolut mega-coole Typ nicht vom Himmel oder er merkt nicht einmal den ganzen Aufwand. Ne ganze Menge Tünche und Kosmetik lassen wir uns die Illusion vom romantischen Glück zu zweit kosten. Die Industrie dankts uns.
Ich sage, dir unsere Schönheitsideale sind teuer erkauft und haben mit Liebe wenig zu tun

Wolfgang H. Weinrich
Ich finde es gut, wenn eine Frau.....schön aussieht, etwas aus sich macht, attraktiv ist...natürlich auch innerlich, das Außen allein machts noch nicht.

Ruth Selzer-Breuninger:
Ich auch. Ich möchte mir nur nicht einreden lassen, ich müßte nur in einem bestimmten Modetrend liegen und müßte ansonsten warten, bis sich der Traum vom großen Glück erfüllt. Das würde nämlich bedeuten, daß ich, um geliebt zu werden, immer erst irgendeine Erwartung erfüllen muß.
Liebe ist etwas, das es einfach gibt, und das nicht an Vorleistungen gebunden ist.

Wolfgang H. Weinrich
Jetzt sprichst du ganz als Mutter, die ihr Kind liebt, einfach weil es ist,
sozusagen ohne Bedingungen. Mit der Botschaft: Es gibt nichts oder nur ganz wenig, was dich von meiner Liebe trennen könnte.
Als Vater würde ich sagen: Du hast Verantwortung im Leben und die Konsequenzen für dein Tun zu tragen.

Ruth Selzer-Breuninger:
Ich glaube, die bedingungslose Liebe entspricht einer unserer tiefsten Sehnsüchte. Ich will geliebt werden, weil ich bin.
Die Vorstellung, jemand würde mich nicht mehr lieben, nur weil ich nicht immer seinen Erwartungen entspreche oder seine Bedürfnisse nicht rundherum befriedige, finde ich bitter. So eine Liebe hinterläßt das herbe Gefühl, daß ich nicht um meiner selbst willen geliebt werde, sondern nur, weil der andere mich braucht.

Wolfgang H. Weinrich
Ich finde den Gedanken: Ich liebe dich, weil du diese und jene Eigenschaften hast, gut Was soll schlecht sein, wenn ich jemand liebe, weil er Stärken hat, die mir gefallen?

Ruth Selzer-Breuninger:
Liebst du, weil du liebst oder weil du jemanden brauchst?

Wolfgang H. Weinrich
Liebst du, weil du jemanden brauchst, oder einfach, weil du liebst? Man kann beides nicht voneinander trennen, es gehört zusammen.
Lieben heißt, nehmen und brauchen, geben und schenken.

Ruth Selzer-Breuninger:
Im Idealfall.
Es gibt aber auch typische Sätze:
Ich habe alles für dich getan und das ist der Dank.
Tue mir die Liebe und bleib heute abend zu Hause.

Wolfgang H. Weinrich
Wenn du mich liebst, läßt du mir meine Freiheit.

Ruth Selzer-Breuninger:
Nein: Wenn du mich liebst, bleibst du.

Wolfgang H. Weinrich
Ich kenne auch solche Sätze:
Ich habe mich verändert und du hängst immer am gleichen.
Du engst mich ein.
Ich habe mir unter Ehe oder unserer Beziehung etwas anderes vorgestellt

Ruth Selzer-Breuninger:
Den Satz kenn ich auch.
Verliebtsein ist wunderschön, traumhaft.
Da gibt es das Briefchen an der Windschutzscheibe. Zeichen von Nähe, die Entdeckung von Intimität
Liebe kennt Phasen. Ernsthafte Auseinandersetzungen, wenn ich mir die Mühe mache, den andern wirklich kennenzulernen. Es gibt Konflikte, deren Bewältigung Jahre dauern können. Liebe heißt Arbeit an den eigenen Erwartungen und Wünschen. Liebe ist Achtung, Geduld und Ungeduld, Einsicht in die eigenen Grenzen.
Liebe heißt auch freizugeben, wenn es nicht mehr geht.

Wolfgang H. Weinrich
Alles richtig, aber sehr ernsthaft.

Ruth Selzer-Breuninger:
und hätte die Liebe nicht..
Was ist sie denn nun außer dem Balanceakt von Ekstase und Konflikt, Geborgenheit und dem Wunsch nach Freiheit?

Wolfgang H. Weinrich
Liebe ist Aktivität: Ich kann lieben, ich kann mich selbst geben
An die Liebe glauben, heißt an mich und meine Fähigkeit glauben, heißt lebendig sein, und gestalten, Liebe zu geben und zu machen.

Ruth Selzer-Breuninger:
Liebe ist eine Kunst, die ich lernen kann wie das Malen. Ungeduldig wie ich bin hätte ich am liebsten sofort ein fertiges Bild in der Hand. Das geht nicht.
Wenn ich aber ein Bild malen will, dann brauche ich Pinsel, viele bunte Farben, Leinwand, meine Sinne, Augen, Gefühl für das Wesen des Objektes, Kreativität und Phantasie, Muse und Geduld, um das Motiv zu verinnerlichen und ihm entsprechend zu begegnen. Und das ist gut so.

Wolfgang H. Weinrich
Max Frisch, der Schriftsteller meint, es sei bemerkenswert, daß wir von dem Menschen den wir lieben, am wenigsten aussagen könnten, wie er ist. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht die Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen in allen seinen Entfaltungen zu folgen. Jeder Mensch, sagt er, fühlt sich wie verwandelt, wenn er geliebt wird. Dem Liebenden entfaltet sich alles, sogar das Nächste und lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Mal. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentliche Spannende. Daß wir mit dem Menschen, den wir lieben, nicht fertig werden.

Ruth Selzer-Breuninger:
Wahrhaft eine Kunst.
und hätte die Liebe nicht. Jeder kann sie für sich entdecken. Vielleicht ist diese Heilige Nacht der Anfang. Erinnert uns, daß uns die Liebe umgibt und daß wir gemeint sind. Daß wir selbst sogar zu Liebenden werden können oder schon solche sind. Ist das nicht göttlich?

 

Liebesmeditation:

Wenn ich alle Sprachen der Menschen beherrschen würde
und sogar die der Engel verstünde
und hätte die Liebe nicht
was würde es mir nützen?

Wenn ich göttliche Eingebungen hätte
und alle Geheimnisse wüßte
wenn ich alle Weisheit der Welt besäße
wenn mein Glaube Berge versetzen könnte
und hätte die Liebe nicht
wäre nicht alles wertlos?

Wenn ich meinen Besitz weggeben würde
mich für irgendeine Sache sogar töten ließe
und hätte die Liebe nicht
wäre nicht alles umsonst?

Es war einmal
eine Zeit.
Da gab es keine Männer,
da gab es auch keine Frauen,
da gab es nur Menschen.
Da war jeder Mensch
zur einen Hälfte Mann
und zur anderen Hälfte Frau
und hatte daher alles,
was er brauchte.

Die Liebe ist langmütig und gütig
Sie eifert nicht
sie prahlt nicht
sie spielt sich nicht auf
sie sucht nicht das Ihre
sie läßt sich nicht verbittern
sie rechnet nicht mit dem Bösen
Sie trauert über das Unrecht
und freut sich über die Wahrheit
sie trägt alles
sie glaubt alles und sie hofft alles.

Dann aber
wurde der Mensch
entzweit.
Aus seiner einen Hälfte
wurde ein Mann,
aus seiner anderen Hälfte
wurde ein Frau,
und keiner hatte mehr alles,
was er braucht.

Die Liebe hört niemals auf
Als ich ein Kind war
redete ich wie ein Kind
dachte ich wie ein Kind
handelte ich wie ein Kind

Als ich Mann war
legte ich das kindliche Wesen ab
Noch sehen wir die Dinge wie in einem trüben Spiegel
Sie wirken fremd und rätselhaft
Irgendwann aber werden wir klar sehen

Seit der Zeit damals
sucht jeder seine andere Hälfte.
Wenn er sie findet,
paart er sich
und wird wieder Mensch.
Wenn er sie nicht findet,
paart er sich auch,
bleibt aber Mann oder Frau
und braucht,
was er nicht hat.

Was ein Paar braucht,
was es sucht oder hat,
wirst du nie wissen.

Aber, wenn du
einen Mann siehst und eine Frau
oder
ein Mann und einen Mann
oder
eine Frau und eine Frau,
dann wirst du dich fragen
warum denn die beiden
und wirst dir was denken...

Anselm Dworak/whw

 

Jetzt aber bleiben
Glaube
Liebe
Hoffnung
Diese drei
Aber die Liebe ist die größte unter allen.

Zur Erinnerung an unsere Sehnsucht nach Liebe
an die Sehnsucht aller Menschen
rund um den Erdenball
binden wir uns ein Freundschaftsband um.
Und weil man das am besten mit einem anderen hinbekommt
bittet doch eure Nachbarn
euch dabei behilflich zu sein
Oder hebt es auf für jemanden
dem ihr es mitbringen möchtet
Zur Erinnerung an eine Liebe
die da war, ist oder vielleicht sein wird...
"und hätte die Liebe nicht..."

nach oben