Jahr 1997

1997

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1997

 

Texte

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andere, neue Bindungen zu geben.
Und jeden Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Hermann Hesse

Atemlosigkeit und große Augen, des Wahrnehmen ungewöhnlicher Düfte und Verklärung, Stille und Begehren, fehlende Worte und die Ahnung von Neuem: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Irgendwie Ist er zu spüren, der Zauber des Anfangs, selbst in alltäglichen Situationen.Noch im Nachhinein. Auch, wenn er nicht wiederholbar ist.

Häufig wird erst später im Leben klar, dass es sich in diesem oder jenem Moment um einen Anfang gehandelt hat. Der Skeptiker mag einwenden, dass es keine Anfänge gibt, sondern alles einfach nur weitergeht. Aber: um was bringt er sich da nicht alles ?

Zauber führt zu Begeisterung und damit zur neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit und Bedingungen. Meiner Wirklichkeit und Bedingungen. Welch eine Chance ! Nicht, dass Verstand und Bewusstsein ausgeschaltet wären. Vielmehr: sie sind verstärkt aktiviert.

Weihnachten. In uns sind Spuren von altem Zauber der Erinnerungen, Hoffnungen, Geheimnissen und Sehnsüchten.

In unserem Gottesdienst am Heiligen Abend werden wir die Geschichten
Zwischen Himmel und Erde neu hören und den Zauber der Nacht mit allen Sinnen erfahren.

Wir sehen uns wieder.

 

Predigt

Das wär´s.
Regenmacher heißen diese Dinger. Kein Wunder. Sie klingen ja auch schon so.

Wenn mein Leben langsam austrocknet und mein Alltag wird wie dürres Land.
Wenn an die Stelle von Armbewegungen der Begeisterung (über´m Kopf) oder des Sieges (angewinkelter Arm) nur noch das Abwinken tritt.
Wenn ich dem Lauf der Zeit langsam auf die Schliche komme und ich genauso abgeklärt werde – so heißt das dann wir, die Alten, die einem überlegen und etwas mitleidig lächelnd sagen: es gibt nicht Neues unter der Sonne. Alles ist Fortsetzung, bestenfalls Entwicklung.

Wenn ich also langsam austrockne, dann wär´s das.
Dann müßte so ein Regenmacher aus dem Nichts auftauchen und mein dürres Land zu neuem Leben erwecken.
Nicht jemand der mir Tipps gibt und gute – oder am Ende gar gut gemeinte – Ratschläge. Nein, es müßte jemand auftauchen und mir eine neue Dimension eröffnen. Es müßte jemand kommen, der mir einen neuen Blick auf meine alte Welt schenkt, der mich meine Welt wieder lieben lässt. Es müßte jemand oder etwas kommen wie das Wasser in der Wüste, das auch keine Kommandos gibt, sondern die verdorrten Pflanzen ganz schnell erblühen lässt und sie das werden lässt, was in ihnen steckt.

Ich fürchte nur, auch der beste Regenmacher hätte bei mir schlechte Karten. Denn ich habe viele gute Methoden und Fertigkeiten drauf, mit denen ich so einen Regenmacher ignorieren kann oder – wenn sich ein neuer Lichtblick dann doch nicht ganz leugnen lässt – seinen Erfolg bei mir mit Sicherheit verhindern kann. Es gibt da fast unendlich viele höchst zuverlässige Strategien.
Paul Watzlawick hat die besten von ihnen zu einer „Anleitung zum Unglücklichsein“ zusammengefasst.
Ein paar Grundregeln will ich Ihnen wenigstens kurz andeuten, damit Sie das
nächste Mal, wenn ein überraschendes Angebot von lebensspendendem Wasser auf Sie zukommt. Sie dieses ebenso zuverlässig abwehren können wie ich und Sie mit mir weiterhin die Sicherheit genießen können, dass alles im alten, grauen Trott bleibt.

Regel Nr. 1: Gehen Sie auf keinen Fall dahin, wo Ihnen vielleicht der Regenmacher, eine positive Veränderung, begegnen könnte. Sondern machen Sie es sowie jener Betrunkener, der unter einer Straßenlaterne mit großem Eifer sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher, fragt ihn, was er verloren habe. Der Mann antwortet: “ Meinen Schlüssel“. Nun suchen beide. Als der Polizist schließlich fragt, ob der Mann denn sicher sei, dass er den Schlüssel hier verloren habe, antwortet dieser: „Nein, nicht hier, sondern dort hinten – aber hier im Licht ist es viel bequemer zu suchen.“
Also gehen Sie auf keinen Fall dahin, wo Ihnen vielleicht der Regenmacher, wo Ihnen vielleicht eine positive Veränderung, begegnen könnte!

Regel Nr. 2: Wittern Sie hinter allen Veränderungen und allem Neuen, das das Schicksal oder „nette“ Mitmenschen Ihnen andienen als letztes Motiv immer nur eine miese, hinterhältige Absicht. Sie werden sehen, Sie haben immer Recht. Machen Sie also wie jener Nachbar im Mietshaus (...)
Und es gibt noch eine Regel, die ich gelernt habe und die Sie jetzt auch beim Herrn Lüdemann lernen können: Machen Sie den naiven Glauben, dass hier auf Erden und in ihrem Leben irgend etwas neu werden könnte, gründlich lächerlich. Der Christliche Glauben mit seinem Weihnachtsfest in der Mitte bietet dazu eine hervorragende Gelegenheit. Das olle Glaubensbekenntnis, das wird schon bald 2000 Jahre mit uns herumschleppen, eignet sich in geradezu idealer Weise:
„Ich glaube an Gott den Vater,
...
und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
...“
Die Jungfrauengeburt, die nichts anderes ausdrückt als den Glauben und die Hoffnung, dass Gott mir den Menschen ganz neu anfangen kann, mit Jesus ganz neu angefangen hat und seitdem dazu dauernd bereit ist – keine Fortpflanzung des Immergleichen über die Generationen hinweg, sondern total neuer Anfang: „ empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ – also die Jungfrauengeburt (wenn schon nicht die ganze Weihnachtsgeschichte)
sollten Sie als antiquierten Blödsinn abtun und möglichst lächerlich machen. Das
macht Sie zu einem kritischen und aufgeklärten Zeitgenossen und vor allem immun gegen den Glauben und die Hoffnung, dass es jemals Neues unter der Sonne geben könnte.

Ich glaube, wir sind gut ausgerüstet mit Abwehrwaffen gegen den Glauben und gegen die Hoffnung. da haben nicht nur Regenmacher keine guten Karten. Auch Gott selbst hat seine Mühe.

Aber wer weiß. Schließlich sind wir heute am Weihnachtsabend hierher gekommen. Vielleicht sind wir doch bereit, den Schlüssel nicht unter der Laterne, sondern an der richtigen Stelle zu suchen.

(Dr. Klaus Bartl)

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