Jahr 1998

1998

Seite drucken

 

Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 1998

 

Texte

H wie Herz.

Das Herz bildet mein Zentrum. Weil es schlägt, bin ich. Sein Rhythmus sorgt, ohne dass ich es immer bemerke, für das täglich Leben. Manchmal spüre ich den Pulsschlag, mal geht er schneller, rast er sogar. Mal schlägt er so langsam, dass Ich denke, nach dem nächsten Schlag könnte alles vorbei sein. Das Herz ist, physisch gesehen, nur ein Muskel, eine Art Pumpe. Doch er ist der Impulsgeber für alles, was in mir und durch mich geschieht.

Ich kann also ...

Mir etwas zu Herzen nehmen, jemanden das Herz brechen, ein Herz für Kinder haben, meinem Herzen einen Stoß geben, das Herz in die Hose rutschen lassen, einen Herzinfarkt erleiden, viele ins Herz schließen, mein Herz ausschütten, mit dir ein Herz und eine Seele sein, ein Herz aus Stein haben, etwas im Herzen bewegen ....

Mein Herz ist zu vielem imstande. Jedes Herz.

Der Heilige Abend geht zu Herzen. Er geht deshalb nahe, weil damit so viele Erinnerungen und Hoffnungen verbunden sind. Erinnerungen an das, was einmal gut war oder hätte besser sein können. Hoffnungen darauf, dass zukünftig ein Leben in Herzlichkeit gelingen möge und das Fest der Liebe tatsächlich wahr wird.

Am Heiligen Abend erwarten wie besondere Gäste, die von sich und ihrem Herzen erzählen. Bluesige Musik, meditative Texte, eine einladende Atmosphäre und vor allem die alte, weihnachtliche Geschichte aus dem Buch des Lukas sollen in der Dorfkirche in Hergershausen unser Herz anrühren.

Mittendrin und von ganzem Herzen. So feiern wir. Wir sehen uns.

 

Predigt

Weihnachten und von ganzem Herzen, das ist Romantik, festliche Stimmung, das sind die vielen Utensilien, die für uns an Weihnachten ganz unverzichtbar sind, die goldenen Christbaumherzen, die ganze glitzernde Palette von schönem bis zum ganz schrecklichen Kitsch, um etwas Glanz und Besonderheit in unser Leben zu bringen.
Weihnachten und von ganzen Herzen, da schwingt unsere Sehnsucht mit nach Glückseligkeit, zumindest nach romantischer Gemütlichkeit.
Von ganzem Herzen, das klingt wie der oft geäußerte Wunsch nach einem harmonischen Fest zuhause im familiären Kreis, wo alles läuft wie geplant, jeder mit guter Laune und froher Ausstrahlung.
Wir wissen alle wie leicht das schiefgehen kann und, dass es für viele so nicht stimmt.

Klar, ein mutiges Herz , das sich engagiert, beeindruckt uns und ein verliebtes Herz spricht die Gefühle an.
Aber es geht nicht nur ums Gefühl!

Herz und Weihnachten, das heißt an die Menschen unter uns denken, die Herzprobleme haben, die herzkrank sind.
Für meinen Bruder, einen Herzspezialisten, ist das Herz ganz nüchtern und klar ein arbeitender, robuster Muskel, der im Grunde sehr einfach gebaut ist. Die Pumpe eben, die auf mechanische Impulse reagiert; gemessen an der Vielfalt der Aufgaben keineswegs das wichtigste Organ, auch deshalb nicht, weil man wissenschaftlich prognostizieren kann, dass in absehbarer Zeit aufgrund der recht einfachen Organkonstruktion das Herz sicher bald künstlich hergestellt werden kann.
Eine nüchterne medizinischen Sicht, der alles romantische, Herz, Schmerz Gewendete suspekt ist.
Keine Spur gefühliger Begeisterung.

Auch das Herzliche des Weihnachtsfestes, dem Fest der Liebe und des Friedens, hat Funktionsstörungen.
Sie sind anderer Art. Man kann sie benennen.

SaddamHussein wird nicht friedfertig werden, die Amerikaner werden irgendwann wieder überraschend eine Operation ansetzen.
Milosovic, wird die Verwicklung im Nahen Osten als Freiraum für seine mörderische Sache nutzen. Und ob das Abschlachten aufhört, wenn die Gegenseite politisch am Zuge ist, bleibt abzuwarten. Wir können in diesem Falle an dem Unfrieden in unserer Welt nichts ändern.

Und auch wir werden von heute auf morgen keine anderen Menschen. Der Frust, der unser Leben verhärmt, wird trotz Weihnachten weiter in uns bohren und die Sorge, die uns drückt, wird sich nicht einfach verflüchtigen.
.
Natürlich halten wir an diesem Abend sorgsam mit Dank und Freude im Herzen die Dinge fest, die unser Leben reich machen, unsere Lieben, die zu uns gehören.
Was das Leben aus uns gemacht hat und wie es sein könnte, das ist uns an diesem Abend besonders bewusst
Doch: Im Widerspruch unseres Lebens erscheint uns das Weihnachtsfest als eine friedliche, heile Welt, als eine Oase der Sentimentalität, die so schnell verlogen wirken kann.
Verstehen wir das mit ganzem Herzen in diesem Sinne nicht falsch:

In der alten hebräische Bedeutung ist das Herz Sitz von Erkenntnis, Vernunft und Entschluss.
Das Herz an Weihnachten aufgreifen, das heißt heute so vom Herzen zu sprechen:

„Nicht die Festgarnierung ist entscheidend, sondern wenn es ums Herz geht , dann ist mein Verstand, meine Sicht der Dinge und mein Wille entscheidend. Ich darf mein Herz fragen, es in die Hand nehmen. Ich darf abwägen, was mir Weihnachten zu sagen hat, darf fragen, was mich überzeugt und was ich schal finde.

 

Drei Dinge möchte ich unseren Herzen in diesem Sinne nahebringen:

1.Es geht um die zentrale Botschaft von Weihnachten. Sie heißt: Gott ist Mensch geworden, ein Mensch wie wir. In diesem Menschen ist die Freundlichkeit und Menschliebe Gottes erschienen.

Ein türkischer Junge, hat in diesen Tagen in der Klasse deutlich eingebracht: Er verstehe nicht, wie die Christen mit ihrer Bibel umgingen und wie gewöhnlich sie von Gott redeten: „ Gott ist unbeschreiblich, seine Herrlichkeit ist groß“, sagte er und meinte: wir Menschen können ihn nicht fassen“. Der 11 jährige hat recht! Ein Blick ins Teleskop kann es vermitteln, die Himmelsweite kann etwas von der unendlichen Schöpferkraft vermitteln.
Die Christen sagen Ja, Gott ist unbeschreiblich, und doch hat Gott ganz nah und menschlich mit uns zu tun. Unvorstellbarkeit und Herrlichkeit Gottes im Himmel, ja! - und doch wissen Christen, dass die Herrlichkeit Gottes im menschlichen Gesicht strahlen kann. und mit Menschlichkeit zutiefst verbunden ist, seit dem Kind in der Krippe.

Natürlich fragen mich Leute: Wie kann es sein, dass man in der Geburt des Judenkindes Jesus, vor 2000 Jahren in einem Stall zur Welt gekommen, einen Hinweis für Glauben und Lebenssinn heute erblicken kann.

Ich finde es ziemlich verwegen nicht mit dieser menschenfreundlichen Kraft Gottes zu rechnen,
Denn es gibt immerhin Hoffnungen, für die dieser Gott einsteht.

Menschen, dann der menschgewordene Gott, der die Tiefen des Lebens wahrhaft kennt.

Dass soll mein Herz heute erreichen, dass Gott mir / uns zugetan ist, in den Netzen meines/ unseres Lebens. Gott stattet uns Menschen mit Würde aus und bringt uns Achtung entgegen.
Würde und Achtung gottgewollt für alle Menschen; das ist es,was Gott unserer gnadenlosen Wirklichkeit entgegensetzt.
Um unser Leben geht es und um unser Überleben im Haus Erde, in dem im Verteilungskampf um die besten Plätze viel zu viele Menschen geopfert werden.

Würde den Menschen, das ist das große Weihnachtsgeschenk das Gott uns macht.
Das ist die Hoffnung auf eine behütete Zukunft für mich und meine Kinder - für alle Kinder dieser Erde.

Das ist der Kern von Weihnachten, der mein Herz aufrütteln will, dass ich mich nicht verliere im Irrgarten meiner Habseligkeiten und Wünsche.

2. Was hindert mich daran, diese menschenfreundliche Wirklichkeit für mich gelten zu lassen. Wenn Weihnachten einen Sinn hat, dann doch den, mich mitreissen zu lassen von dem Glauben an den menschenfreundlichen Gott, der den Menschen Achtung und Liebe zuerkennt und mein unruhiges Herz aussöhnen will.
Ich weiss, viele denken und sagen, Menschenfreundlichkeit - Humanität geht auch Gott! Man kann human sein - ohne Gott! Viele sind es - Gott sei Dank!

Ich glaube es gibt Erfahrungen, da braucht es einfach von aussen zarte, lebendige, zugewandte Kraft, die das eingeengte Herz wieder frei schlagen lässt.

Menschen geben Trost, stellen sich an meine Seite, fragen, wie es mir geht,
fühlen mit, lassen mein Herz höher schlagen, verhelfen ihm zu Sprüngen,

Jedenfalls hat Jesus Christus, unser Geburtstagskind, mit sehr einfachen Gesten, Worten und Schritten auf unwiderstehliche und wundervolle Weise, Achtung und Liebe verletzten, gebrochenen, aber auch suchenden und fragenden Herzen entgegegebracht.
Er gibt Impulse. Man kann es nachlesen.
Trost fanden Menschen bei ihm in Traurigkeit,
Kinder hat er verstanden, gegen die Egoismen der Erwachsenen!
Pubertierende hat er im Elternhaus auferweckt zu einem eigenständigen neuen Leben
Er hatte ein gastgebendes Herz, auch für Aussenseiter
Er hatte es nicht nötig, Frauen zu erniedrigen
Er hatte die Klarheit im Herzen, den Selbstgerechten die Wirklichkeit zu zeigen.
Er schenkte den meisten er eine neue Qualität von Leben, .
Er wollte den ganzen Gauben - mit Herz und Verstand für gutes, gerechtes Leben,

Vielleicht musste Gott einfach Mensch, werden, damit wir menschlich leben können.
Mir imponieren Menschen, die sich nicht abfindern mit einer Welt, die einteilt in Reiche und Hungerleider, in Gewinner und Verlierer., die nicht im Zynismus: „Es ist halt so“ stehenbleiben, sondern die Vision von der Würde aller wie auch immer gebrochen leben.
Mir imponieren Menschen, die den gesellschaftlichen Zerstörungen mit Herz und Verstand humane Alternativen entgegenhalten, die mit Standfestigkeit und Beharrlichkeit Lebensräume und Freiräume für andere öffnen wollen, weil sie das Antlitz des menschgewordenen Gottes in jedem menschlichen Gesicht

3) Sein Wunsch für uns heute:
Unseren Herzen einen Ruck geben.
Mit Herz und Verstand uns öffnen,
Unser Leben ist wertvoll und es braucht viel Liebe.
Beides den Wert eines Jeden und die Liebe -
beides gibt es, so wir wollen im Überfluss -
Wir müssen nur so viel wie möglich davon nehmen und geben.
Beides haben wir mit der Kraft des Gottes, der die Menschen liebt

Der sehnlichste Wunsch des Geburtstagskindes an uns heute ist:
das wir zu solchen Menschen würden:
offene, behutsame, aber auch im Herzen engagierte,
teilende, mitfühlende Menschen,
die gerade deshalb auch dieses Fest gerne
locker und froh feiern können..
weil darin nämlich seine Freundlichkeit bei uns wirklich wird.
Amen

Ruth Selzer-Breuninger

 

Gebet

Lange Zeit haben wir Weihnachten als Termin im Kopf und als Datum im Herzen
Glocken haben diesen Gottesdienst eingeläutet.
Jetzt können wir aufatmen,
Es ist Nacht - Heilige Nacht wieder.
Unsere Weihnachtssehnsüchte tragen wir im Herzen
es gibt vieles, woran unser Herz hängt,
und was sich heute erfüllen möge
unser Wunsch nach Nähe und Freundschaft
nach Linderung und Trost
nach Fest und Freude.

nach oben