Jahr 2002

2002

Seite drucken

 

Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Bild: Plakat "Gottesdienst in der Christnacht"

Plakatmotiv 2002

 

Texte

Was fällt dir denn ein ?
Dieser zumeist empört geäußerte Ausruf weist auf eine interessante Tatsache hin:
Jemand ist überrascht über etwas Ungewöhnliches, eine seltsame Wendung, Reaktion oder Verhaltensweise.

Was fällt dir denn ein ?
Eigentlich steckt dahinter das Erstaunen, dass etwas anderes als das Erwartete eintreten
könnte oder schon verwirklicht wurde. Das ist zunächst weder positiv noch negativ. Es ist nur ab-wegig und gewöhnungs-bedürftig.

Was uns häufig fehlt, sind gute, kreative Einfälle zu den brennenden Fragen unserer Zeit.
Einfälle und unterschiedliche Gedanken lassen die Menschen neue Hoffnung schöpfen im privaten und im öffentlichen Leben, in Wirtschaft und Politik ebenso wie in der Beziehung oder am Arbeitsplatz.

Mit Licht-Einfall und dem gesamten Gottesdienst am Heiligen Abend in Hergershausen soll diese Hoffnung greifbar werden, unter uns Menschen kommen. So, wie es vor über 2000 Jahren in Bethlehem geschehen ist.

Die Evangelische Dorfkirche wird außen und innen in besonderem Licht erstrahlen:
Licht wird dorthin leuchten, wo es sonst noch niemand gesehen hat, Farben werden das Grau und Braun des Alltäglichen in das Blau und Gelb und Rot des Heiligen Abends verwandeln. Dem Darmstädter Lichtkünstler Gerd Meiswinkel wird vieles zum Thema Weihnachten einfallen, ebenso dem Physiotherapeuten Matthias Lehneis und dem Journalisten Kai Fuchs, beide aus Rödermark. Sie werden, von der erprobten Blues-Band (Harz Gassen, Manfred Schulze, Gerald Jäger und Christian Weinrich sowie Sonja Schulze am Piano) unterstützt, zu den Einfällen der Besucherrinnen und Besucher beitragen.

Noch etwas Privates: 2001 sollte diese Form des Gottesdienstes zum letzten Mal in Hergershausen gefeiert werden. Grund: Ein möglicher Umzug, der nun allerdings nicht stattfindet. Es wird weiterhin diesen Gottesdienst in der Christnacht geben. Eigentlich noch viel eher deshalb, weil zahlreiche Briefe, E-Mails und auch persönliche Ansprachen mich ermutigt haben, die „gute Tradition“ weiter zu führen.

Freuen wir uns auf einen
einfalls-reichen Abend !

 

Predigt

Gnade sei mit Euch und der Friede der Heiligen Nacht von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Neulich. Ein schöner Abend unter Freunden. Je später es wird, desto tiefsinniger werden die Gespräche, während das Ofenfeuer leise vor sich hin prasselt. Und irgendwann sind die Versammelten beim Lieblingsthema jeder Runde angelangt – der Liebe. Man tauscht sich aus über aktuelle und verflossene Beziehungen, über die große Liebe und kleine Flirts, über hell lodernde Gefühlsfeuer und die sacht glimmende Glut der Zuneigung. Man erinnert sich, man blickt voraus. Doch die große Frage, die dahinter steht, bleibt unbeantwortet:

Wie kommt es, dass wir jemanden lieben ? Wie kann es sein, dass wir uns bestimmten Menschen zugeneigt fühlen, anderen nicht – oder nicht so sehr. Oder nicht mehr. Ich habe an diesem Abend noch lange darüber nachgedacht und folgende Erklärung gefunden: Es gibt so ungeheuer viele Gründe, weshalb wir Menschen lieben. Und ich frage mich , ob es ist die Summe dieser Gründe ist, die Menschen für mich anziehend macht:

- Ich liebe Dich, wenn Du wütend bist.
- Ich liebe Dich, wenn Du unausgeschlafen bist.
- Ich liebe Dich, wenn Du zärtlich zu mir bist.
- Ich liebe Dich, wie Du mich anschaust.
- Ich liebe Dich, wenn Du glücklich bist.
- Ich liebe Dich, wenn Du unglücklich bist.
- Ich liebe Dich, wenn ich hungrig bin.
- Ich liebe Dich, wenn Du ehrlich zu mir bist.

Und dennoch: Selbst wenn sich einer die Mühe machte, alle diese emotionalen Gedankenstriche einmal aufzulisten, er käme der Liebe wahrscheinlich nicht auf die Spur. Es wäre wie der verzweifelte Versuch, Sterne zu zählen. Astronomen können das – und trotzdem steht am Ende ihrer Mühe nur eine Zahl, die nichts über den Zauber des Sternenhimmels und seine Geheimnisse ausdrückt.

Nein, auch die Liebe ist kein Rechenexempel. Wir kommen beim Versuch, die Liebe zu erklären, nicht weiter, wenn wir sie über die Summer bestimmter Eigenschaften definieren wollen. Denn was uns dabei abhanden kommt, ist ihr spezieller Zauber. Diese Magie, die uns beschwingt, die uns also Flügel verleiht, die uns inspiriert, uns vielleicht gar erleuchtet ? Diese Magie ist es, die Liebes-Zeiten vom Alltag abhebt, sie besonders macht und in unserem Gedächtnis verewigt.

Die Magie der Liebe, die uns erleuchtet ? Anders ausgedrückt heißt das doch: Ich liebe Menschen, die mir auf tausenderlei Arten das Leben hell machen.

Die einen tun dies, wie ein großer Bühnenscheinwerfer, in dessen Schein ich mich sonne, in dessen gleißendem Lichtkegel ich mich bewege wie ein großer Schauspieler, von allen bewundert.

Manche Menschen sind mir Tageslicht, sie wecken mich auf, geben mir Energie, zeigen mir aber auch, wenn der Tag vorüber ist.

Die anderen verbreiten ihr Licht wie eine kleine Kerze, die ich anzünde, wenn mir nach Besinnlichkeit zumute ist. Der unstete flackernde Schimmer, der tanzende Schatten an die Wände malt, ich will ihn beschützen vor dem starken Wind des Lebens, ich will meine Hände bergend darüber halten.

Wieder andere tun es wie eine Glühbirne, sie leuchten mir konstant durchs Leben, sie leuchten mir alle Ecken aus, sachlich, neutral, unbestechlich, manchmal schonungslos.

Und da gibt es vielleicht auch Menschen, deren Licht blinkt verlockendend, betörend, vielleicht wie eine Neon-Leuchtreklame, die uns die Erfüllung unserer geheimsten Wünsche verheißt.

Manche erweisen sich als Irrlichter.

Menschen haben die zauberhafte Fähigkeit, uns das Leben hell zu machen, uns auf unseren Wegen zu leuchten, uns zu zeigen, wo wir zuhause sind. Diese Menschen bringen und das Licht, sie leuchten uns auch – und gerade dann -, wenn es um uns herum düster wird, bedrohlich und gefährlich. Ihr Licht weckt uns auf, es schenkt uns Wärme und Sicherheit.

Dunkel ist der Schlaf, erholsam zwar, aber nur, wenn er nicht die Regel wird. Dunkel ist die vermeintliche Sicherheit. Dunkel ist, wenn ich die Augen verschließe vor dem, was vor mir liegt: „Ich seh dich nicht, also siehst du mich auch nicht.“ Das ist Dunkelheit. Beziehungslos. Sicher in meiner kleinen Welt. So lange ich mich nicht fortbewegen will.

Erst das Licht zeigt uns, was jenseits unserer engen Grenzen ist.
Das Licht weckt den Willen aufzubrechen. Das Licht zeigt uns, wohin der Weg uns führt – zumindest auf den nächsten Metern. Das Licht gibt uns Orientierung.

Freiheit schenkt uns das Licht. Es inspiriert uns, es zeigt uns neue Perspektiven auf, es leuchtet in Winkel meines Lebens, die ich zuvor nie – zumindest nie in diesem Licht – gesehen habe – je nachdem, aus welcher Richtung es einfällt.

Die Magie der Liebe und der Zauber des Lichtes – das ist es, was für mich Weihnachten ausmacht: Nicht von ungefähr leitete ein heller Stern Hirten und Weise und nicht zuletzt die Heilige Familie selbst durch die dunkle Zeiten voller Nöte und Sorgen. Der Engel machte nur darauf aufmerksam, die Richtung wies – wir haben es gerade gehört – der Stern.

Nicht von ungefähr leuchten Kerzen auf dem Adventskranz oder am Weihnachtsbaum, sind Straßen von Tausenden und Abertausenden Glühbirnchen erleuchtet. Der Zauber der Heiligen Nacht ist auch der Zauber des Lichts. Für mich ist es das Licht, das uns in den Dunkelheiten des Lebens immer und immer wieder sagt: „siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Der Zauber dieses Lichtes ist gleichsam der Zauber der Liebe Gottes. Sie ist es, die uns Inspiration schenkt – eben Licht-Einfälle. Sie ist es auch, die uns Menschen an die Seite stellt, die auf uns achten; die uns Rat geben; die sich um uns sorgen und mit uns fühlen. Wir alle können als Boten Gottes dazu beitragen, das Licht der Heiligen Nacht in den Alltag zu retten, wenn die Kerze auf dem Adventskranz und dem Weihnachtsbaum schon längst wieder erloschen sind. Aber nur, wenn wir uns stets daran erinnern, dass wir diejenigen sind, die die Verantwortung tragen für den sorgsamen Umgang mit diesem wunderbaren Schein.

Wenn wir Gottes Licht dort leuchten lassen, wo es gebraucht wird, wo Menschen nicht ein noch aus wissen, wo es gilt, Mut zu machen in der Düsternis des Lebens – dann fällt ein Schimmer dieses Lichtes auch auf uns zurück und Gottes Liebe leuchtet auch über unsere Grenzen hinaus und schenkt uns neue Freiheit.

Und ich denke, dieser Wunsch ist nicht vermessen: Lasst uns alle zu Boten Gottes, also: zu Engeln, werden, bewahrt das Licht der Heiligen Nacht in Euren Herzen, öffnet sie für Gottes Licht-Einfälle und lasst sie denen leuchten, deren Wege dunkel sind. Entzündet Euer Feuer für die Gerechtigkeit, steckt Lichter des Friedens an. Tretet in diesem Schein zusammen.

Nur dann kann Gottes Traum von einer helleren Welt, dessen Zauber in der Heiligen Nacht seinen Ursprung nahm, Wirklichkeit werden.

Und die Liebe Gottes und der Frieden der Heiligen Nacht, die höher sind als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Gedanken und Gefühle in Christus Jesus, unserem Weggefährten. Amen.
(Kai Fuchs)

 

Meditation:

Aus dem Dunkel dieser Nacht
Kommt ein unbegreifliches Blau.
Alles, alles ist blau.
Das Oben und das Unten.
Das Drinnen und das Draußen.
Das Hier und das Dort.

Diese Nacht ist blau
Das Hören und das Riechen
Das Schmecken und das Sehen.
Das Fühlen und das Erleben.
Blau. Die Nacht ist blau.

Und doch:
Mitten im Blau sind dunkle Flecken.
Kleine und größere.
Ganz, ganz dunkle.
Sind eigentlich schwarz.
Sind das, was belastet, erschwert und drückt.
Sind so alltäglich.

Das ganze Jahr ist in dieser Nacht gegenwärtig.
In dieser einen Nacht.
In dieser Heiligen Nacht.

Das ganze Leben
Resignation und Sehnsucht.
Hoffnung und Ahnungen.
Traurigkeit und Mut.
Gefühle und Kälte.
Abschiede und Neubeginne
Das Leben in einer Nacht.
Jetzt.

In das Blau dieser Nacht
bricht sich etwas Bahn.
Aus der Tiefe des Weitweg.
Ein Abglanz des Ewigen.
Ein Lichtstrahl rot, tiefrot.
Wie ein Komet.
Sein Schein ist unvergänglich.
Scheinbar.
Er leuchtet weiter. Immer weiter.
Bleibt hell.
Wirft Licht.
Wirft ein besonderes Licht auf die dunklen Flecken.
Auf das Schwarz des Lebens.
Sie verschwinden nicht.
Allein, sie sind besser zu ertragen.
Auszuhalten.
Anzusehen. Sie gehören dazu.

Im Blau dieser Nacht.
Wo bin ich?
Wo sind meine Schattenseiten?
Wo sind meine lichten Momente?
Was macht diese Nacht mit mir?

 

nach oben