Jahr 2006

2006

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Plakatmotiv 2006

 

Texte

Alles dabei

Wenn ich heut neben mir steh
und dabei auf mein Leben seh
egal, was war und wie es auch sei:
Es ist alles dabei

Höhen, Tiefen, Fragen, die quälen;
Augenblicke, mich weg zu stehlen
egal, was war und wie es auch sei:
Es ist alles dabei

Er und sie, ich und du,
Job, mein Ziel und mancher Clou
egal, was war und wie es auch sei:
Es ist alles dabei

Anfänge, Brüche kommen vor
Kämpfe, Siege, ein Eigentor
egal, was war und wie es auch sei:
Es ist alles dabei

Nimm mich dran, nimm mich hin
die Hoffnung ist Gewinn
egal, was war und wie es auch sei:
Es ist alles dabei

Die Welt dreht sich, oft sehr schnell
ist wie ein Kettenkarussell
egal, was war und wie es auch sei:
Es ist alles dabei

Text: W.H.Weinrich

Predigt

Liebe Freundinnen und Freunde!

Stellen Sie sich vor, Sie könnten jetzt einen Wunschzettel ausfüllen. Wie viel Papier benötigten Sie dafür? Brauchten Sie eventuell einen Stift, dem die Tinte nicht ausgeht?

Sie verstehen, worauf ich hinaus will?

Ein Wunschzettel ist ein Begehrbrief, der möglicherweise fast unendlich lang wird. Selbst wenn Sie sich „nur“ Gesundheit wünschen, was meinten Sie damit in der Konsequenz?

Ein Wunsch – das ist die Sehnsucht noch Vollkommenheit eines Zustandes, einer Lebensform, eines Besitzverhältnisses. Alles soll so sein, wie man sich das Leben möglichst komplett vorstellt. Früh erwachen Wünsche. Früh werden sie geweckt. Manche schlummern lange; brechen plötzlich auf.

Och, wäre das schön, wenn... Wo ist das Schlaraffenland? Wie komme ich ins Paradies? Wann liegt mir die Welt zu Füßen?

Doch immer wieder stelle ich fest. Es ist Montag in meinem Leben. Montag: eine Uhr weckt und ich muss aufstehen. Draußen ist es dunkel, kalt und frostig. Der Tag und die Arbeit rufen. Fremdbestimmt sind die meisten meiner Stunden. Das Robinsongefühl stellt sich ein: Warten auf Freitag... Und dann?
Ist das Leben womöglich eine Karikatur seiner selbst?

Ein Wunschzettel – also. Mit Wünschen versehen, die wie das Angebot eines Reiseveranstalters alles inklusive sind? Im Sinne von: Das Beste , was geht. Oder zumindest das Gute. Oder eingeschränkter: Das Möglicheste. Oder noch bescheidener: Das , was besser ist als das, was ich kenne. Als das, was ich bisher erlebt habe. Alles inklusive ist schwer zu beschreiben.

Ich denke, dass wir heute Abend einen Weg miteinander beschritten haben, der uns deutlich macht, dass wir in einer interessanten Zeit leben.

Nein, ich will nicht davon reden, dass sie schwierig ist, weil sich so vieles geändert hat oder im Umbruch begriffen ist. Dass Arbeitsplätze knapp geworden sind, Renten zweifelhaft, Deutschland älter wird und in China bzw. Australien die Zukunft liegen mag. Ich will nicht davon reden, dass unsere Bildungssysteme wiederholt hinterfragt werden und die Gesundheitsreform missglückt ist. Ich könnte Afrika ins Spiel bringen und Dafur, Städte wie Saddam City oder Genf. Geschichten über verwahrloste Kinder oder Heuschrecken und börsennotierte Unternehmen. Oder einfach nur den Satz: Nix wie weg egal wohin, überall , so sagen die Bremer Stadtmusikanten, ist es schöner als hier. Apropos hier: Die 5 Meter hohe Mauer um das Neubaugebiet um Hergershausen herum erinnert auch mehr an die Abschottung Israels gegen die Palästinenser als aneinen im Grund hier unnötigen und unnötig teuren Lärmschutz.

Nein, ich sage: wie leben in einer interessanten Zeit. Deshalb, weil uns überall Denkanstöße für ein interessantes Leben zuwachsen, wenn wir nur wach bleiben. Auch mitten in dieser Nacht. Und vielleicht gerade in dieser Nacht.

Lassen Sie es mich jetzt theologisch ausdrücken: Mit der Geburt Jesus Christus wird das Menschliche so in die Welt gebracht, dass es einfach richtig auffällt. Es erhält durch alle Feiern ringsherum sogar noch weitere Größe und Bedeutung. Hier geht es, um es in der Sprache von vorgestern auszudrücken, um den Heiland. Den nämlich, der nichts anders möchte, als uns deutlich zu machen. Dass in meinem eigenen Leben, in jedem Leben alles inklusive angelegt ist. Auch der Tod. Leider. Und natürlich. Und dass gerade hierin unser aller Chancen beruhen. Auch im kleinsten, kürzesten oder womöglich tragischen Leben.

„Entdecke die Möglichkeiten“ ist im Grunde ein jesuanisches Wort unserer Tage. Und er könnte sagen: Entdecke sie in dir, in dem Menschen bei dir, um dich herum. In deiner Situation, in deinem Alltag. Am Montag wie am Mittwoch oder am Sonntag. Am Morgen und in der Nacht. Wenn du traurig bist oder einsam. Wenn du liebst oder dich verachtet fühlst. Wenn du 19 Jahre alt bist und zu studieren beginnst und 63 Jahre und mit Lungenkrebs in der Klinik liegst. Dein Leben ist dein Leben. Du hast kein anderes. Es wird keines im Himmel mit 10 Jungfrauen geben.

Es ist und bleibt aber ein Leben bei und mit Gott. Da ist alles inklusive. Ohne Recht auf etwas anderes Leben, aber mit den Chancen auf eine entdeckungsreiche Zeit mit dir selbst.

Was würden Sie auf den Wunschzettel schreiben?

(Pause)

In der Lesung der Weihnachtsgeschichte heißt es: Alle wunderten sich über die Rede der Hirten von dem neugeborenen Kind. Was ist eigentlich das Wunder? Das Wunder ist, empfindlich zu werden für Kleines. Sich Empfindungen zu erhalten und für Empfindungen zu sorgen.

Das macht die interessante Zeit aus. Sie denken, dass es schon immer gab. Das mag sein. Na und? Wir leben jetzt. Und jede Stunde hat diese Möglichkeiten in sich. Jede Begegnung. Und jede Kerze, die später draußen entzündet wird, steht dafür.

In mir ist angelegt, was mein Leben wird. Mir wird zugetraut, dass ich daraus etwas entwickele. Ich bin gefordert und werde hoffentlich gefördert. Gerade die Tage, in denen vieles nicht so ist, wird oder geworden ist, wie ich es mir dachte, bergen krisenähnlich ebenso die Chance zur Neuentdeckung des Lebens wie Tage, in denen alles rund lief.

Mit Jesus ist gleichsam eine neue Leidenschaft in Leben gekommen. Die Leidenschaft am Leben in allen Facetten, sich überhaupt fürs Leben und am Leben zu begeistern. Da ist die Beste aller Möglichkeiten. Und deshalb lasst uns heute feiern. Diese Nacht wird irgendwann enden und ein neuer Tag anbrechen. Aber das, was Weihnachten angerichtet hat, soll, wie eine Leib- und Seelenspeise, uns Nahrung und Kraft für alle unsere Tage geben.

Und den Wunschzettel, geschrieben oder ungeschrieben, heben wir zur Erinnerung einfach mal auf.

Amen.

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