Jahr 2007

2007

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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Plakatmotiv 2007

 

Texte

Staunen ist der Anfang.

Wovon?

Erster Gedanke: Mit zunehmendem Alter gibt es offenbar immer weniger Dinge, die Menschen ins Erstaunen versetzten: Alles schon mal da gewesen. Schon mal erlebt. Schon mal erlitten. Schon mal gesehen. Schon mal empfunden. Schon mal gehofft. Schon mal geschmeckt. Schon mal gerochen.

Ein neuer Gedanke: Mit offenen Mund und großen runden Augen vor einem Weihnachtsbaum stehen oder vor einer wunderschönen Blume? Von einer Gesundung hören oder einem gestammelten Liebesbekenntnis?

Was macht Staunen?

Nachgelesen: „Staunen oder Verwunderung ist ein emotionaler Zustand als Reaktion auf das Erleben von etwas Unerwartetem, dass nicht den bekannten Denkmustern entspricht. Es wird begleitet von einem neurobiologischem Zustand der Erregung, einem inneren Unruhezustand, der sich motivationsfördernd auswirkt, bisher Unbekanntes zu erforschen und zu lernen. Das bereitgestellte Erregungspotential ermöglicht, das innere Gleichgewicht wieder herzustellen, das durch die Konfrontation mit dem „unpassenden“ Neuen verloren ging“. So im Internet nach zu lesen.

Staunen ist der Anfang jeder Erkenntnis, sagt die Philosophie. Bin oder bleibe ich offen, um Neues im Denken, Fühlen oder Handeln zuzulassen, wenn ich Erstaunliches wahrnehme? Und wie ist das mit religiösen Momenten oder Situationen? Was kann ich von denen lernen, denen das Staunen offenbar noch ganz leicht fällt: von Kindern. Oder den Hirten in der Weihnachtsgeschichte der Bibel, die staunten über alles, was Sie gehört und gesehen hatten.

Darum geht es am Heiligen Abend in der Evangelischen Dorfkirche Hergershausen. Es geht um die Geburt Jesu Christi, die Verheißung auf neues Leben, auf Erstaunliches in jedem Leben. Das besondere Licht, in dem zudem Kirche und Kirchgarten erstrahlen, wird in allen Sinnen Staunen machen.

Besondere Gäste sind Andrea Schwalb (Objektkünstlerin) und Reinhard Jörs (Journalist/ Redakteur Darmstädter Echo). Dabei sind die Blues-Band mit Harz Gassen (Bass), Thomas Heidenreich (Schlagzeug), Gerald Jäger (Keyboard), Manfred Schulze (Gitarre) und Georg Weber, ergänzt durch Maria Kolb (Akkordeon), Johannes Kunkel (Posaune) und Hans-Jürgen Läpple (Trompete).

Freuen wir uns auf eine Heilige Nacht für alle Sinne!

Predigt

Liebe Gemeinde der Christnacht!

Staunen Sie nicht auch irgendwie, heute hier zu sein?

Angesichts all der Gefahren, die um uns herum lauern? Wildschweine auf den Straßen im Wald, zu viele Flugzeuge über Biblis, hohes Infarktrisiko durch Überarbeitung,  Auseinandersetzungen im Familienkreis, leider oft auch gerade zu Weihnachten?

Ganz im Ernst: Halten wir es für normal, wie das Leben so ab-läuft oder sich er-eignet bzw. wie wir es er-leben?

Wann sind die Momente gekommen, in denen wir ohne jedes Wort nur vor etwas stehen und sagen: Oh!

Die Augen zunehmend größer werden, die Luft knapper, der Kopf sich fast von allein schüttelt: Oh!

Was ist das? Was geht da vor? Wie konnte das geschehen? Oh!

Im Internet lese ich:
„Staunen oder Verwunderung ist ein emotionaler Zustand als Reaktion auf das Erleben von etwas Unerwartetem, dass nicht den bekannten Denkmustern entspricht“.
Ja, Unbekanntes wollen wir schon erleben. Und dabei doch nicht unbedingt Überraschungen. Oder wenn, dann fest eingeplant, damit wir nicht doch überrascht werden. Und wir deshalb eine Veränderung herbeiführen müssten.
 Ein wenig paradox ist das schon.
„Staunen wird begleitet von einem neurobiologischem Zustand der Erregung, einem inneren Unruhezustand, der sich motivationsfördernd auswirkt, bisher Unbekanntes zu erforschen und zu lernen“. Ein Zustand der Erregung. Das heißt im besten Sinne, nicht ganz die Kontrolle über sich zu haben und mit Eifer bei einer Sache zu sein.

Staunen ist motivationsfördernd.
Zur Verbesserung der Beweggründe, der Anlässe, Anstöße, Ursachen, Veranlassungen, Leitgedanken, Antriebe, Aktionen, Handlungen, Taten.
Staunen.
Das haben wir nötig. Finde ich.
Staunen darüber, dass wir wachsen, lernen, arbeiten, lieben, altern, schließlich sterben.
Aber: Das Staunen darüber scheint nach zu lassen.

Mit zunehmendem Alter,  mit enttäuschenden Lebenserfahrungen und unter ungünstigen  Bedingungen einer Gesellschaft, die sich  zu sehr verwaltet.

Staunen ist der Anfang aller Erkenntnis, so sagen die Philosophen. Jene also, die das Leben betrachten. Ist es da nicht gut, sich mit dem Leben zu beschäftigen, am Tag, als Gott in die Welt kam. Präsens: Kommt.
Als Gott in die Welt kommt.

Er kommt als Jesus Christus. Der brachte so viele in seiner Umgebung zum Staunen. Der machte so wundern, dass es den Leuten beinahe zu viel wurde. Einigen so sehr, dass sie ihn von der Welt brachten. Und dann staunten sie über die Folgen. Und WIR wundern uns noch immer.

Gut, mit Jesus ist vielleicht kein Klimawandel aufzuhalten. . Mit Jesus ist vielleicht keine Ehe zu retten. Aber: mit Jesus ist das Staunen über diese Tatsachen angesagt und damit auch neue Erkenntnisse möglich. Darüber, dass, was gestern noch war, nicht heute oder morgen gelten muss.  Dass es damit veränderbar ist.

Staunen beginnt im Kleinen. Wären wir draußen im Kirchgarten, gingen wir mal auf die Knie herunter, um die Erde zu spüren, die uns trägt, nährt, wärmt. Uns Heimat ist.

Oder wir blickten in einen Kinderwagen, um in einem kleinen Gesicht die runden Augen zu sehen, die alles in der Welt neu und voller Staunen betrachten. Wenn man aufhört, ein Kind zu sein, läuft das Leben wie im Zeitraffer. Erkenntnisse und Erfahrungen werden umgesetzt, Erfolge und Enttäuschungen bestimmen den Alltag. Aber wissen wir als Erwachsene wirklich genau, wer oder wie wir sind?

Wir bleiben einfach einen Moment stehen.
Alles um uns bewegt sich. Und wir warten ab.
Wir nehmen alles wie mit einer Kamera in uns auf und speichern es auf unserer Festplatte. In unserem Herz und Gehirn.  Um uns zu erinnern. An das, was wirklich das Leben ausmacht. Das nicht zu kaufen ist. Das nicht nachgeliefert wird. Sondern im Präsens geschieht. Jetzt. Hier. Um mich herum. Unter uns. Und genau so woanders. Jetzt. Hier. Staunen ist der Anfang.

In der Bibel, der Weihnachtsgeschichte des Lukas, wird  berichtet, dass sie die Menschen sich über alles, was sie gehört und gesehen haben, gewundert hätten. Wer konnte schon damit rechnen, dass es mit Gott so einfach zugeht. Dass er mitten unter die Menschen kommen würde, um sie staunen zu machen.

Um zu zeigen, wie seine Welt gemeint war.
Von Anfang an.

Vor allem, um zu zeigen, welche Möglichkeiten in der Welt, in den Menschen, den Tieren und Pflanzen stecken. 

Übel, wenn wir schon unseren Kindern diese Möglichkeiten nehmen oder erst gar nicht geben.  Wenn die Möglichkeiten aus ihnen herausgeprügelt oder sie ihm schlimmsten Sinn ausgehungert werden.
Was ist mit dieser Welt geschehen – geschieht es  auch ganz in unsere Nähe?
Staunen ist der Anfang der Erkenntnis. Aber eben auch nur der Anfang. Dann muss es weiter gehen.

Wir sind heute nicht an Gebrauchsanweisungen interessiert – heute nicht. Sie erwachsen aber aus dem Staunen, aus der Erkenntnis, ganz automatisch.  Bei jedem selbst.

Höre einfach mal in dich hinein.
Nimm die Antworten, die eigenen, ernst  und verhilf  ihnen zum Licht.

Damit du so wirst, wie Gott dich gemeint hat.
 
Lerne erneut zu staunen.

Amen.

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