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Plakat | Texte | Predigt

 

Plakat

Plakat: Christnacht 2011 - Träum weiter
Plakatmotiv 2011

 

Texte & Lieder

Willkommen zur Christnacht.

Träum weiter und das in einem Keller. Im Jagdhofkeller.
1722 wird dieser Keller zum ersten Mal erwähnt. Hier wurden die ausgeweideten Tiere nach der Parforcejagd aufbewahrt. Damals gehörte diese Jagd zu Traum und Wirklichkeit der Reichen. Das aufbewahrte Wild wiederum füllte auch die Träume derer, die der Hunger plagte.
Zur wechselvollen Geschichte des Kellers passt, dass er im Zweiten Weltkrieg ein Luftschutzbunker war. Der Albtraum des Krieges wurde zeitweise ausgesperrt, den Träumen der Überlebenden hier Raum gegeben.
Jahrzehnte danach wurde er zum Veranstaltungsort: ein Keller, der mit Comedy, Jazz, Folk und Lesungen so manchem einen traumhaften Abend schenkte.

Heute Abend träumen wir hier in diesem Keller. In der Christnacht. Ein Keller ist der Ort, an dem wir danach schauen, welche Träume ausgeträumt sind und welche uns durch unser Leben begleiten.
Ein Keller gründet ein Haus. Was gründet uns? Weihnachten?
Sind wir damit Traumtänzer oder Realisten? Fühlen wir uns in dieser Nacht wie im Traum und oder wehren wir uns miteinander gegen das Aufwachen?

Es ist schön, dass Sie gekommen sind und diesen Gottesdienst mitfeiern. In der Heiligen Nacht. Mit uns, Anja Schwier und Wolfgang Weinrich, unseren besonderen Gästen, der Musikern der Band, den Technikern und der Besetzung der langen Theke Für uns alle, für Sie sicher auch, ist dieser Gottesdienst anders als alles andere vorher und ganz neu.

Nicht nur dieser andere Ort, sondern zum ersten Mal, wissen wir von einem großen Teil von Ihnen die Namen, den sie haben sich ja angemeldet, so haben wir uns dieses Mal schon etwas in Sie hineinzudenken versucht.
Was erwartet die wohl von uns, oder was erhofft sich jener von diesem Abend?
Was erträumen Sie sich oder wie heißt Ihre Sehnsucht?

Lassen Sie uns heute Abend Träumende sein und unseren Gedanken über unser Leben, das Jetzt und das Gestern, das heute und das Morgen, das hier und die Welt nachgehen.
Lassen Sie uns weiter träumen, von Gott und all dem, worauf wir unsere Hoffnung setzen.
Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes,
der Welt als Paradies geschaffen hat,
der seinen Sohn sandte, damit wir unsere Träume von Frieden und Gerechtigkeit nicht verlieren,
und uns seinen Geist gibt, damit unsere Sehnsucht nach Leben lebendig bleibt.
Im Namen des Vaters und Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Band: put it where you want it

WOLFGANG H. WEINRICH: Na, wovon träumst du?
ANJA SCHWIER: Ich träume nicht. Wer träumt ist ein Spinner. Oder meinst du, wovon ich nachts träume?
WOLFGANG H. WEINRICH: Ja, auch das. Also, wovon träumst du nachts?
ANJA SCHWIER: Ich träume nachts selten, eigentlich kaum.
WOLFGANG H. WEINRICH: Stimmt nicht. Durch Augenbewegungen im Schlaf weiß man, dass jeder träumt jede Nacht, mehrmals sogar. Nur kann man sich nicht immer daran erinnern. Träumen ist etwas ganz subjektives und nicht greifbar.
Wenn man in den Schlaflaboren Menschen weckt und nach ihren Träumen befragt, sind sie sich oft nicht sicher, was sie geträumt haben.

ANJA SCHWIER: Wusstest du, dass es fünf Träume gibt, die jede und jeder in Varianten kennt und die bestimmte Bedeutungen haben?
Den Traum zu fliegen, wenn man den träumt, ist das ein Zeichen, dass man mühelos über Schwierigkeiten hinweg gehen kann.
Den Traum nackt unter Angezogenen zu sein. Wer den träumt, ist mit irgendetwas überfordert.
Den Traum in die Tiefe zu stürzen, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der steht für Bedrohliches, Existenzangst.
Oder die Prüfung. Meist sind es Situationen aus Prüfungen, die man längst bestanden hat.
Und klar die erotischen Träume. Manchmal erlebt man dabei wie man mit einem Menschen, den man wenig anziehend findet, sehr intimen Kontakt hat. Hier übernimmt der Traum die Funktion einer Lupe und macht auf einige Eigenschaften dieses Menschen aufmerksam, die man sonst übersieht.
WOLFGANG H. WEINRICH: Träume sind Schäume. Wenn in der Bibel von Träumen gesprochen wird, dann sind diese häufig Botschaften. Sie warnen vor Gefahren oder Kriegen. Sie rufen zu Handlungen auf wie bei den Propheten: „Mach dich auf und tue dieses oder jenes.“
Die Forschung sagt, das gibt es nicht. Träume sind nicht steuerbare Verarbeitungen unseres Alltags. Dennoch spielen Träume bei der Verarbeitung von schwierigen Erlebnissen eine wichtige Rolle.
Sie sind therapeutische Instrumente, um Schweres zu bewältigen. Wenn nach schlimmen Ereignissen man immer wieder davon träumt, dann kann das helfen damit umzugehen. Ist doch gut, oder?
ANJA SCHWIER: Wovon träumst du eigentlich?
WOLFGANG H. WEINRICH: Mein Leben hat gerade viele Umbrüche hinter sich. Ich musste mich von vielen Träumen verabschieden und vieles neu sortieren, da bleibt kaum Zeit zum Träumen. Aber wenn ich träume, dann vielleicht so…

 

 

Predigt

Predigt

ANJA SCHWIER: Diese dunklen Wintertage und Weihnachten, das ist die Zeit, in der ich oft ich oft an meine Kindertage denke. Damals träumte ich wie ein Kind. Ich war Kaiserin Sissi in wundervollen Kleidern, eine geliebte und gerechte Königin. Oder ich träumte, Lokführerin oder Pilotin zu werden! Als Forscherin oder Entdeckerin etwas Weltbewegendes vollbringen.
Alles war gleich aufregend und weder ein gebrochener Arm noch eine fünf in Deutsch konnten diese Träume bedrohen.
Ich war ein Kind, das mit und in seinen Träumen lebte, diese Träume spielte und füllte. Wenn ein Erwachsener mich dabei entdeckte und beobachtete, sagte mir sein sanftes Lächeln: Träume weiter.

Als ich älter wurde, veränderten sich meine Träume.
Sie wurden politisch: Ich war Pazifistin und gegen den Nato-Doppelbeschluss und gegen den Golfkrieg, stritt heftig für die Gleichbehandlung von Frauen und Männern und für Gerechtigkeit. Und mit anderen träumte ich davon, dass wir miteinander die Welt für alle Menschen gut und gerecht machen könnten.

Die Aktivitäten in Frauengruppen, die Mahnwachen und Friedensdemos und die Menschen, in den Solidaritätsgruppen, mit denen ich mich gemeinsam engagierte, all das sagte mir: Träume weiter.

Die Träume waren auch privat: Ich träumte, von einer Familie mit ein oder zwei Kindern und sogar einem Haus mit einer tollen Küche und mit Garten. Für die Kinder wäre auch ein Pool schön, wenn die Sommer schon immer heißer wurden.

Es wurde geheiratet, endlich kam ein Kind, das Haus wurde gekauft, die Küche war teuer, der Pool wegen der zu erwartenden Arbeit vertagt.
Auch im Beruf war ich endlich angekommen. Jeder Erfolg sagte: Träum weiter.

Doch plötzlich: Aus der Traum. Die Träume trugen nicht mehr. Das gemeinsame politische Engagement erlahmte. Solidarität mit der Dritten-Welt war nicht mehr angesagt. Feminismus beschränkte sich auf Diskussionen um Quoten. Die Ehe war am Ende, denn einen gemeinsamen Zukunftstraum gab es nicht mehr. Im Job gab es den Knick.

Das Traumhaus wurde zum Gefängnis alter Träume und schrie täglich: Wach auf, träum das bloß nicht weiter.

Ihre Träume waren mit Sicherheit andere.
Dennoch gab es wahrscheinlich es auch bei Ihnen Zeiten, in denen Ihre Träume mit Ihnen wuchsen, erwachsener wurden. Wie Träume sich immer wieder dynamisch den neuen Lebensabschnitten anpassten.

Diesen Gedanken kennen Sie sicherlich auch: Aus der Traum! Lebensträume begraben, böses Erwachen.
Viele die älter geworden sind, haben ihre Träume verloren, sich angepasst oder aufgegeben.
Ist Burn-out womöglich eine moderne Umschreibung dafür, dass wir nicht mehr Träumen können? Das unsere Träume leer geworden sind und wir deshalb ausgebrannt?

Wie geht das weiter zu träumen? Was tun, wenn alte Träume nicht mehr passen? Wie und wo neue Träume finden? Wie wieder träumen lernen?

„Fürchte dich nicht“, sagt der Engel. „Fürchte dich nicht und träume weiter. Hol wieder Träume in Dein Leben hinein und gib ihnen Raum.“
Denn, wer nicht mehr träumt, ist tot?

„Fürchte dich nicht, sondern träume weiter.“
Das sagt ein Engel. Und das muss ein Engel sagen: Ein Wesen, das in unsere ganz irdische Wirklichkeit hineinspricht und doch himmlisch ist. Nicht ganz im Irdischen verhaftet.
Träume weisen über den oft kargen Alltag, über das Machbare und Realisierbare hinaus.
Sie verleihen uns Kraft und bringen Bewegung in unser Leben, weil Sie Anteil haben an dem Mehr, an einer Weite, die auch unser Leben weitet.

Sie und ich, wir brauchen Träume für unser Leben.
Aber: Was brauchen Sie, was brauche ich, um wieder träumen zu können?

Ich brauche dafür auch Weihnachten. Die Weihnachtsgeschichte mit den Worten „Und es begab sich zu der Zeit…“, die erinnert daran, wie Gott es mit uns gemeint hat. Dass Beziehungen gelingen. Dass Menschen einander Worte sagen, die die Herzen berühren. Dass Gott so zu uns zu mir kommt und ein gelingendes Leben mit mir vorhat.
Deshalb feiern wir miteinander. Reisen aus Oslo an, um mit den Menschen, die uns nahe sind, zu feiern. Schreiben Weihnachtskarten und telefonieren , um frohes Fest zu wünschen, und kaufen Geschenke.
Weil wir gemeinsam etwas wahr machen wollen von dem traumhaften Geschehen damals im Stall. Dass Gott sich in unsere Welt einlässt. Hier gründen viele meiner Träume, und Ihre?

„Trau dich zu träumen, wage es wieder.“ An Heiligabend, dieser mit Zauber überzogenen Nacht, da gelingt das leichter, aber schon am zweiten Weihnachtstag, wenn der Zauber verflogen ist, dann wird es schwieriger zu träumen. Deshalb nehmen Sie sich Zeit, um weiter zu träumen, um wieder zu träumen.
Nehmen sie sich den 27., den 28. oder 29. Dezember, egal, ob Sie arbeiten müssen oder nicht.
Setzten sie sich morgens, nach dem Frühstück, oder am Mittag einmal hin, schließen die Augen und versuchen, einfach zu träumen. 10 Minuten oder eine Viertelstunde lang.
Vielleicht kommen Sie dann alten Lebensträumen wieder auf die Spur.
Oder Sie spüren nach, welche Sehnsüchte und Hoffnungen in Ihnen schwingen?
Vielleicht werden begrabene Träume noch einmal aufbrechen. Stellen Sie sich ihnen, denn sie sind oft Wege, neue Träume zu entdecken.

Vielleicht scheitern Sie auch beim Versuch und entdecken, dass Sie einen ganz neuen Weg gehen müssen, in einen Stall, einen Keller, zurück zu den vergangen Träumen aus Kindheit und Jugend, oder mit neuen Menschen ein ganz neues Projekt, einen neuen Traum entwickeln.
10 Minuten, am 27., am 28. und am 29., gleich nach Weihnachten täglich Träumen.
Wieder anfangen zu träumen und dann weiter träumen und nicht aufhören.

Schön, wenn dieser Keller, wenn die alte Geschichte von Gott und uns, wenn die Botschaft der Engel uns heute so berührt, dass wir uns wieder trauen zu träumen. Heute Abend hier gemeinsam und wenn wir aus dem Keller herausgehen, jede und jeder weiter für sich.
„Fürchte dich nicht. Träum weiter.“

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