Jahr 2014

2014

Seite drucken

 

Plakat | Texte | Predigt

 

Ein unmoralisches Angebot


Gottesdienst in der Christnacht
Darmstadt Jagdhofkeller 24.12.2014

Ansingen der Lieder
Glockengeläut
Stille Nacht instrumental
Guten Abend Darmstadt

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst miteinander und mit Gott,
der Ursprung der Liebe in jeder Form,
mit Jesus Christus,
der in unsere Welt gekommen ist,
um uns Gottes Liebe zu zeigen,
und mit dem Heiligen Geist, der Kraft,
die uns immer wieder zur Liebe fähig macht.

Musik: Heilig Abend Blues
Lesung der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium 2. Kapitel

Der liebe Gott und der Liebestempel
Liebe zu machen, ist immer gut, antwortet der liebe Gott, als er vor einem Liebestempel darauf angesprochen wird.

Kein Tag sollte vergehen, an dem nicht sie oder er erlebt, wie das ist, geliebt zu werden. Nicht nur geistig, sondern auch körperlich. Warum soll das nur in jüngeren Jahren so sein? Eben jemanden zu haben, referiert er, als er um seine Meinung gebeten wird, der in den Arm nimmt, liebkost, solange, bis der Moment kommt, den die Franzosen, der liebe Gott kommt viel rum, den die Franzosen den kleinen Tod nennen. Und dann erschöpft beieinander liegen, wenn der Körper viel Ruhe danach will.

Oh, sagt der liebe Gott. Liebe machen ist nicht nur etwas Sanftes, sondern braucht auch manchmal Kraft. Ist anstrengend, auslaugend, ermattend. Aber damit bist du ganz am Leben dran. So habe ich es gemeint. Sinnlich, körperlich, sich vollends hingebend. Fast eins werdend. Und doch bleibt jeder er selbst. Jede sie selbst. Hier ist der Anfang von allem. Und vielleicht das Ende.

In jedem Liebesakt steckt ein kleiner Tod. Verborgen. Sagt der liebe Gott. Danach sehnen sich alle Menschen, so sind sie angelegt. Bis ins Alter hinein. Frag doch mal nach, scherzt er, nicht allein Junge machen Liebe, weil sie Liebe brauchen. Es ist so schön, gestreichelt zu werden, überall. Es jemandem anderem zu machen.

Leider bleibt bei vielen, die allein sind, allein bleiben, wenig davon, weil scheinbar keiner mehr da ist, der sie lieben könnte. Wie schade, bedauert der liebe Gott. Aber dafür bezahlen? Dann ist es doch keine wirkliche Liebe. Es macht nur Puff und alles ist nach ein paar Minuten vorbei. (aus: W. H. Weinrich: Der liebe Gott kommt nicht voran, Kreuz Verlag 2014)

Süßer die Glocken nie klingen / Stand by me

Gebet
Die Sehnsucht nach Nähe ist groß,
Die Hoffnung auf Liebe scheint zu wachsen,
in dieser Zeit, in diesen Tagen
besonders in dieser Heiligen Nacht.
Sie mischt sich mit Erinnerungen an das Fest der Liebe unserer Kindertage,
an die rituale der Familienfeiern,
gelingende und tragische Feste,
harmonische und streitvolle,
in großer Runde
oder mit Plätzen, die leer bleiben.
Du Gott kommst an diesem Abend wieder auf uns zu.
Willst Liebe zeigen,
Deine Liebe zu uns,
in die all das hineinpasst.

Willst unsere Erinnerungen zu befreienden Ideen für unser Leben wandeln
und uns zeigen, wie Liebe geht in dieser Welt.

Willst unsere Fragen,
unsere Zerrissenheiten,
unsere schwierigen Erfahrungen mit der Liebe und dem Leben mit uns aushalten.

Lass uns deine Nähe spüren,
dass wir mit dir in dieser Nacht wieder anfangen zu lieben und zu leben.

Stille

Es ist ein Ros entsprungen – Love me tender

Love me tender, love me true - Liebe mich zärtlich und liebe mich ehrlich.
Die Sehnsucht nach Liebe, nach Zweisamkeit ist da, wächst. Ist das auch Ihre Beobachtung?
Die Menge der Massagetermine nimmt zu, weil Menschen im Alltag weniger körperliche Berührungen erfahren - Sie wollen aber sanfte oder auch kraftvolle Berührungen auf ihrer Haut spüren, seien sie auch nur medizinischer Art.
Es gibt Internetportale, die neue Liebe und Beziehungen verheißen. Zielgruppengerecht: Partnerinnen und Partner auch für elitäre, spezielle Wünsche; Seniorenportale etwa sollen sogenannte Best-Agers erreichen.
Wer sich nicht in solche Portale traut, begibt sich lieber in Chatforen, um über den thematischen Austausch zumindest eine, meistens mehrere Beziehungen aufzubauen. Dating-Apps und Anzeigen bei Facebook, bieten Menschen ganz in der Nähe an. Ein Klick und schon hat man/frau einen Termin, aus dem sich mehr entwickeln kann.

Andere, wiederum Suchende, gehen den Weg über die Nase. Sie nutzen Pheromonpartys. „Ich kann dich gut riechen“, heißt hier die Devise. Die Besucher schnuppern an getragenen T-Shirts und suchen sich so einen potentiellen Partner/Partnerin aus. Der Veranstalter verspricht eine Trefferquote für spätere Beziehungen von 80%.

Ich habe das alles noch nicht ausprobiert; es hat noch immer anders geklappt. Von face to face habe im Alltag Menschen kennen gelernt, mich verliebt, entliebt, neu verliebt... Es gibt dennoch keine Gründe, mich über die Erfahrungen derer, die es anders machen oder getan haben, lustig zu machen. Und: Anzeigen, Er sucht Sie, oder Sie sucht Sie, gab es schon immer.

Ich halte ich es ebenso wenig für amoralisch, solche Wege zu gehen? Allein diejenigen, die das ausnutzen, halte ich für unmoralisch. Weil sich mit diesen Sehnsüchten viel Geld verdienen lässt.
Liebe und Geld gehören möglicherweise irgendwie zusammen, aber können einander weh tun. Sehr weh. Zu weh.

Das Spiel mit der Liebe hat viele zu Verlierern gemacht. Davon kann auch ich ein Lied singen. Ich werde es hier nicht tun, aber ich weiß, wie zerstörerisch es sein kann. Mit Auswirkungen auf den Einzelnen, die Familien, Freundschaften, Kinder, Beruf, das ganze Leben steht plötzlich zur Debatte. Und am Ende bin ich doch allein.

Unter dem Titel Single Bells veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in ihrem Magazin ein eher negatives Resümee der vielfältigen neuen Möglichkeiten.
Wie groß die Sehnsucht ist und welche Verführbarkeit von Menschen damit verbunden ist, ist zunehmend Thema. Die Sehnsucht, einen liebevollen Menschen zu treffen, ist immens. Single Bells zeigt: besonders an Weihnachten.
Warum eigentlich jetzt?

Naja: Das große Fest der Liebe und ich stehe nur dabei und bin verwundert. Das geht nicht, denken viele. Dabei ist es doch zunächst nur ein abgeleitetes Fest. Die Theorie dahinter: Gott kommt zu den Menschen. Weil er scheinbar so weit weg ist, kommt er als Mensch zu ihnen. Es kleines, noch unschuldiges Kind und in armen Verhältnissen. Das davon ausgehende Signal: Ich bin wie ihr. Schutzbedürftig und auf andere angewiesen. Aber mit schlagendem Herzen und mit wachen Sinnen, ein Wesen, das alles in sich birgt, was das Menschsein ausmacht: Emotion, Kraft, Ideen, Verstand und die Gabe, zu lieben und Liebe zu empfangen. Das zeichnet alle Menschen aus. Sowohl die großen Politikerinnen wie den kleinen Arbeiter und Achtung: wohl auch den IS-Krieger und auch die Nonne im Kloster. Den Menschen, der unter den entsprechenden Bedingungen im Reagenzglas gezeugt wurde als auch das Kind einer Leihmutter. In dieser Spannbreite bewegen wir uns. Ich möchte fast sagen: leider, denn damit ist alles ganz kompliziert, stimmt´s?

Fest der Liebe, das ist die schier unermessliche Sehnsucht nach gelingendem Lieben. Jetzt. Weil ich schon so lange darauf gewartet habe. Vertröstet wurde. Enttäuscht bin. Jetzt also. Heute hier. Da wird die Theorie ganz schnell zur eingeforderten Realität.

Love me tender love me true, all my Dreams full fill -

Alle Träume wahr werden lassen, das gelingt aber selbst beim Fest der Liebe nicht. Zur Erinnerung: Es gab sogar mal Zeiten, da schwiegen in dieser Nacht weltweit die Waffen. Aber nur, um an den darauf folgenden Tagen alles nachzuholen, was versäumt wurde. Worum geht es also? Sowohl in der Theorie als auch der Praxis?

Um nicht weniger als die Liebe und die Überzeugung, dass sie behutsam gehegt und gepflegt werden muss. Ja muss, denn sie lässt sich nicht kaufen und sie kann sich nicht in den Multioptionen erschöpfen. Es geht um die zu tiefst menschlichen Dinge, mit denen wir sorgsam umgehen müssen. Ja, müssen, weil sie so entscheidend sind für unser Leben.

Es geht darum, sich nicht zu verkaufen, weil es womöglich attraktiver ist, mehr zu scheinen als man tatsächlich ist. Das aber nur für eine Weile. Es geht um die Wirklichkeit und nicht um die Fiktion. Es geht um die Wahrheit und Offenheit und das Bekenntnis dazu. Und es geht um dich und mich. Besser: um vielen Andere und mich. Und das „und“ ist ebenso wichtig wie das „Ich“.

Ein moralisches Angebot? Ja. Keines, das wir gemeinsam heute in Stein meißeln könnten, aber ein Aufruf zum bedenken. Nachdenken, wie es uns gelingt, Liebe miteinander zu schützen, in diesen Zeiten, häufiger Enttäuschungen und sehr hoher Erwartungen. Liebe nicht bedingungslos aufzugeben. Gott kommt uns in dieser Nacht ganz nah mit seiner Liebe, Jetzt, hier. Und es geht um das „Jetzt“, weil meine Zeit endlich ist, und der Himmel warten kann. So meint es Gott. Und deshalb und nur deshalb nehmen wir heute Abend sein Zeichen an. Auf dass nicht nur Maria all diese Worte in ihrem Herzen behielt, sondern auch wir diese Worte als Ansporn für die Suche nach Liebe behalten.

Engel haben uns gesungen - You are allways on my Mind

Austeilen der Armbänder mit der Aufschrift „Jetzt“

Die drei Arten der Liebe Eros, Agape und Philadelphia: die lustvolle körperliche Liebe, die sich verschenkende, altruistische Liebe, und die tiefe vertrauensvolle freundschaftliche Liebe. Sie gehören zusammen. Alle drei sind uns Menschen geschenkt. Alle drei sollen wir leben. Jetzt!
Daran erinnere uns das Bändchen, wenn wir in die Festtage und in den darauffolgenden Alltag gehen.

O du fröhliche - Feliz Navidad

Gebet / Vater unser
Gott, wir danken dir, dass wir lieben können.
Andere Menschen und uns selbst.
Dass du immer wieder Liebe gelingen lässt unter uns.
In Paarbeziehungen, in Familien und in vielfältigen Geflechten.

In lustvoller Liebe und im kleinen Flirt.
Im flüchtigen Lächeln auf der Straße und einer festen Umarmung.

Im Glück oder im Zusammenstehen in schwierigen Zeiten.
Am verheißungsvollen Beginn, im Jetzt
und auch am Ende eines Lebens.
Zu lieben ist ein Geschenk von Dir,
das du uns in dieser Nacht immer wieder neu schenkst.

Wir denken an die Menschen, die jetzt auf den Geburtsstationen Dienst haben, und an die Menschen,
die jetzt in Hospizen liebevoll ihren Dienst tun.

Wir denken an die Einsamen,
deren Sehnsucht sich noch nicht erfüllt hat.
An alle, deren Vertrauen missbraucht wurde
und deshalb heute nicht lieben können.

Lass uns Liebe setzen gegen den Krieg,
lieben Ausbeutung und berechnendes Kalkül.
Schenk uns den Mut zum Lieben jetzt.
Stille

Vater unser

Kollekte: Diakonie-Katastrophenhilfe

Lied: Bleib bei uns hilf uns tragen

Segen
nach oben